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Innenansichten: Duisburger Polizei: Keiner geht ungehört aus dem Polizeipräsidium

Innenansichten: Duisburger Polizei : Keiner geht ungehört aus dem Polizeipräsidium

Die Kinderbildchen an den Wänden und das Tischchen mit den kleinen Stühlen weisen unübersehbar darauf hin, dass es im Büro von Jörg Packmohr etwas anders zugeht als in anderen Polizeidiensträumen. Die Kleinen sollen sich beschäftigen, wenn sie mit ihren Eltern zu ihm kommen. Denn die Erwachsenen haben ein wichtiges Anliegen. Sie erstatten Anzeige - weil sie bedroht, belästigt, genötigt wurden, weil sie Opfer einer Straftat oder eines Verbrechens geworden sind.

ZAD steht für "Zentraler Anzeigen Dienst". Vor gut einem Jahr startet in Duisburg der landesweit erste Versuch einer solchen Zentralabteilung. Das Ergebnis war so überzeugend, dass Packmohr und seine Kollegen inzwischen in den "Regelbetrieb" übergewechselt sind. Neben dem Haupteingang des Präsidiums haben sie ihre Diensträume und sind damit für die Besucher aus dem gesamten Stadtgebiet schnell zu erreichen. Sie entlasten ihre Kollegen in den Wachen, die bislang diese Arbeit ausübten. Denn zu deren Arbeit gehört eben auch noch, zu Einsatzorten rauszufahren, zu ermitteln und Berichte zu schreiben. Da fehlt oft die Zeit, sich eingehender mit dem Bürger zu beschäftigen, der Anzeige erstatten will und vielleicht gerade sehr aufgeregt, aufgebracht, verärgert oder verängstigt ist.

Bei Jörg Packmohr ist das anderes. Er ist ruhig und besonnen, nimmt sich Zeit und ist ein ausgezeichneter Zuhörer. In 34 Jahren Polizeiarbeit hat er ein feines Gespür dafür entwickelt, was in Menschen vorgeht, wenn sie der Polizei gegenüber sitzen, weil sie ausgeraubt wurden, sie ein Rowdy auf der Autobahn zu einer Vollbremsung gezwungen hat oder weil sie das Gefühl haben, von einem Nachbarn über das Hinnehmbare beleidigt worden zu sein. Jedes Anliegen, das sie an ihn herantragen, nimmt er ernst. Nie würde er einen Ratsuchenden abweisen, auch wenn dieser den Eindruck eines Querulanten machen könnte. Wer eine Anzeige erstatten - die Duisburger sagen oft fälschlich "eine Anzeige aufgeben" will, der bekommt bei ihm auch die Gelegenheit. Rund 400 Strafanzeigen gehen monatlich bei ihm und seinen Kollegen über den Tisch.

Ralf Weinem sitzt hinter der hohen Theke am Eingang zum Präsidium und ist erster Ansprechpartner für alle Besucher und Ratsuchenden. Foto: Christoph Reichwein (crei)

60 bis 80 Unfallfluchten bearbeiten die ZAD-Mitarbeiter zusätzlich zu den Kollegen in den zuständigen Dezernaten. "Vor allem Montagsmorgens kommen immer wieder Autobesitzer, die nach dem Wochenende feststellen, dass irgendwer ihren Wagen offenbar beschädigt hat", erzählt Packmohr. Dem erfahrenen Polizeibeamten sitzen aber ebenso Frauen gegenüber, die ganz offensichtlich von ihren Partner verprügelt wurden. Sie brauchen nicht nur den Ordnungshüter, sondern ganz oft auch einen Seelentröster. Und wenn sie mit ihren Kindern zum Präsidium kommen, dann ist Packmohr froh, wenn er die Kleinen mit Buntstiften und Papier ausrüsten kann, damit sie vielleicht nicht jedes Wort, das die Erwachsenen über Gewalt in der Ehe wechseln, mitbekommen. Oft muss er Frauen Mut machen, die den schlagenden Partner anzeigen oder unterstützt sie bei der Suche nach einem Platz in einem sicheren Frauenhaus.

Immer wieder helfen die ZADler auch bei ganz "harmloseren" Vorfällen. "Neulich war ein alter Herr hier, der seinen Ausweis verloren hatte. Auch ihm haben wir geholfen." In solchen Fällen knüpft die Dienststelle zum Beispiel direkt den Kontakt zur Stadtverwaltung und veranlasst eine Verlustanzeige. Die Spannbreite der Tätigkeiten reicht von der einfachen Belästigung bis zur schwersten Körperverletzung (mit und ohne Todesfolge). Häufigster Anzeigengrund sind übrigens Beleidigungen - verbale wie gestenreiche (Stinkfinger und Vogel zeigen). "Das muss sich keiner gefallen lassen. Die Bürger sind im Recht, wenn sie dann Anzeige erstatten", sagt Packmohr. Seine Aufgabe sei es, den geschilderten Sachverhalt zu bewerten und keinen Bürger unberaten wegzuschicken. Oft breiten die Hilfesuchenden ihr ganzes Leben vor Packmohr oder seinen zwölf Kollegen im ZAD aus. "Von dem, was wir hier zu hören bekommen, könnte ich ein Buch schreiben", lacht der erfahrene Dienststellenleiter.

Tut er natürlich nicht, denn Diskretion ist selbstverständlich...aber wenn doch, dann käme mit Sicherheit die Geschichte eines jungen Mannes darin vor, der Heiligabend plötzlich blutüberströmt bei ihm im Büro stand. Er war in eine Schlägerei geraten und hatte sich sehr schwer verletzt ins Präsidium geschleppt, von wo ihn dann gleich der Rettungsdienst ins Krankenhaus brachte. Vorher nahm Packmohr aber noch seine Anzeige entgegen, denn wie gesagt, keiner wird abgewiesen ,,,

(RP)