Duisburg: Keine Musik zum Autofahren

Duisburg : Keine Musik zum Autofahren

Die Duisburger Band "Ausz" legt über 40 Jahre nach ihrer Gründung ein neues Album vor. Wer Entspannung sucht, ist falsch - wer musikalisches Abenteuer sucht, könnte fündig werden.

Jetzt ist alle ausz. Tippfehler? Nein, Musik, und zwar aus Duisburg, von alteingesessenen Künstlern. Aber so richtig ist nicht klar, was für Musik auf der neuen CD eigentlich drauf ist. Das bleibt übrigens auch so, nachdem das Album einmal komplett gehört wurde, und wahrscheinlich auch nach mehrmaligem durchhören. Das muss nicht zwangsläufig etwas Schlechtes sein, aber auf jeden Fall sollte sich der Hörer bewusst sein, worauf er sich bei "Zeitensprung & Hütchenspiele" einlässt.

In einer Pressemappe von 1973, über 40 Jahre vor dem aktuellen CD-Release, heißt es, Ausz mache "Freerock und Kaputtmusik". Beides ziemlich wage, aber das "Free"-Element hat sich hörbar auf das neue Album herübergerettet. Feste, etablierte Formen, rhythmisch oder melodisch, sucht der Hörer oft vergebens, nur hin und wieder fabrizieren Bass und Schlagzeug so etwas wie ein Grundgerüst, über das sich elektrische Klänge und das Saxophon ergießen. Den Rest der Zeit muss der Zuhörer bereit sein, sich in den, nicht selten eintönigen, Klangteppich fallen zu lassen.

Zur Erklärung ein Wortbild: Die Klänge der haptischen und synthetischen Instrumente bewegen sich oft losgelöst voneinander durch die Stücke, scheinbar unabhängig, als hätten sich die Musiker gegenseitig nicht gehört. Daraus entsteht aber eine Klangwelt, die genau durch diese Bezugslosigkeit der Musiker einen eigenen Reiz entwickelt. Kurz: Wären die exzessiven Drogennächte der 70er und 80er Jahre Musik geworden, so könnten sie klingen. Das eigene Bewusstsein künstlich zu erweitern mag beim Hören der Platte also keine schlechte Idee sein.

Wolfgang "Lucky" Ruhnau, Karlheinz und Martin Urrigshardt, die drei Musiker, feiern auf der CD aber nicht nur akustische Drogenexzesse, sondern bewegen sich durchaus auch musikalisch auf experimentellem Terrain. Der Titel "Nie so gemacht" zum Beispiel schiebt als erstes eine Bass-Ostinatofigur in den Vordergrund, dazu klingen sphärische Synthieklänge, ein wenig muten die so an, als ob auch das Keyboard aus der Gründungszeit der Band stammt. Trotzdem erschafft der Bass ein stabiles Gerüst, um das sich der Rest des Stücks wickelt, bis es in die nächste Nummer "Kalender Kalimba" mündet. Diesmal sorgt Percussion für ein stetes Fundament, das Saxophon bläst lange Töne, zunächst mit einem kleinen Ambitus, später zunehmend wilder und prominenter. Dazu bewegt sich ein Synthesizer durch das Stück, und klingt phasenweise so, als ob der Musiker im Nebenraum bloß ein wenig geklimpert hätte und aus Versehen aufgenommen wurde.

Dieses Beispiel ist bezeichnend für den Charakter der Musik, auf die sich der Hörer aktiv einlassen muss. "Zeitensprung & Hütchenspiele" ist keine Musik zum Autofahren, und keine um sich zu entspannen. Wer sich aber dem Soundcluster der Duisburger Musiker hingibt, kann durchaus eine Menge in den Untiefen der Klänge erleben. Und wer sich näher über die Band selbst informieren möchte oder gar die CD erstehen will, kann dies auf ausz.org tun.

(RP)
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