Duisburg: Keine Angst vor Leichen und Gräbern

Duisburg : Keine Angst vor Leichen und Gräbern

Marie-Sophie Unverricht hat den Beruf der Bestatterin gelernt und wurde gerade als bundesweit Beste in dem Ausbildungsberuf geehrt. Das ist offenbar nicht unbedingt nur Männersache.

Leichen waschen und zurechtmachen, Verwesungsgerüche in der Nase und beruflich täglich mit dem Tod konfrontiert - was den meisten Menschen einen Schauer über den Rücken laufen lässt, ist für Marie-Sophie Unverricht Alltag. Die 24-jährige schloss im Juli 2014 ihre Ausbildung zur Bestattungsfachkraft ab und arbeitet nun in einem Bestattungshaus. Gerade erst wurde sie als beste deutsche Auszubildende in diesem Beruf geehrt.

Marie-Sophie Unverricht wirkt aufgeweckt und gut gelaunt. In schwarzem Blazer und Anzughose posiert sie selbstbewusst und mit offenem Lachen für die Fotographen. Freundlich und geduldig beantwortet sie alle Fragen, die ihr gestellt werden. Die junge Frau bringt man nicht auf Anhieb mit dem Beruf der Bestattungsfachkraft in Verbindung. Doch sie ist nicht nur Kammer- und Landessiegerin, sondern gewann vor wenigen Wochen den Bundeswettbewerb in dieser Branche. Dass gerade eine Frau gewonnen hat, muss nicht verwundern. Viele Menschen denken vermutlich, der Beruf sei eine Männerdomäne. Unverricht erklärt jedoch: "Das ist ein Klischee. Frauen sind gerne gesehen. Sie gelten als einfühlsam." Und das sei besonders bei Beratungsgesprächen mit Trauernden wichtig.

Für Marie-Sophie Unverricht war bereits nach einem Schülerpraktikum klar, dass sie einmal diesen Weg einschlagen würde. Ihr Interesse galt immer schon dem therapeutischen Arbeiten. Ein Berufswahltest brachte sie schließlich auf die ungewöhnliche Ausbildung. Nach der Schule absolvierte sie bei dem Bestattungshaus Gebr. Jung KG ein sechsmonatiges Praktikum und begann dort 2011 eine duale Ausbildung. Dabei lernte sie nicht nur, wie man Gräber dekoriert und aushebt, sondern auch wie man einen Sterbefall hygienisch versorgt und - ganz wichtig - Beratungsgespräche führt.

Unverricht wirkt zufrieden, wenn sie von ihrer Arbeit erzählt. Besonders schätzt sie, dass es keine Routine gibt, denn jeder Sterbefall ist anders. Schnell verstehen, was die Hinterbliebenen brauchen - ob nur organisatorische oder auch seelische Unterstützung - das ist für sie eine Herausforderung, die sie gerne annimmt. Mit den für uns schaurigen Vorstellungen über das Waschen, Anziehen und Anfassen von Leichen geht Unverricht pragmatisch um. "Man kann Dinge wie den Verwesungsgeruch zwar nicht ausschalten, jedoch stört er mich nicht mehr. Ich sehe eine Aufgabe darin — nämlich den Geruch zu vertreiben." Richtigen Ekel empfinde sie nicht mehr dabei. Zudem gehöre dieser Teil der Arbeit zwar zu dem Beruf dazu, vor allem aber kümmere sie sich um die Organisation und Beratungsgespräche mit Hinterbliebenen - also viele Formalien.

Die ständige Konfrontation mit dem Tod stellt man sich besonders für junge Menschen schwierig vor. Auch Unverricht erlebte bereits schwierige Situationen. Zum Beispiel Gespräche mit Hinterbliebenen eines verstorbenen Kindes - die lassen sie so schnell nicht los. "Da kann ich nicht einfach nach Hause gehen und sagen: Meine Arbeit ist getan."

Das wäre auch nicht richtig, findet sie. Denn: Wer sich nicht berühren lassen könne, sei falsch in dem Beruf. Man müsse von Herzen dabei sein. Mitgefühl ist also nicht nur angebracht, sondern auch notwendig. Trotzdem steht sie dem Tod selbstbewusst gegenüber. "Ich habe keine Angst vor dem Tod und hatte sie auch nie." Neben ihrer Religion, die ihr einen starken Rückhalt gibt, sind auch die positiven Erfahrungen wichtig. "Wenn man Hinterbliebene im Supermarkt trifft, grüßen sie einen. Manchmal bekommen wir auch Blumen als Dankeschön. So erfährt man viel Dankbarkeit und Anerkennung."

(RP)