Irmgard Chlebik: Die Pionierin aus der Krupp-Kantine

Irmgard Chlebik wäre am Freitag 88 Jahre alt geworden : Die Pionierin aus der Krupp-Kantine

Am Weltfrauentag geboren, wurde die Rheinhauserin Irmgard Chlebik bei Krupp zur Kämpferin für soziale Gerechtigkeit. Am Freitag wäre sie 88 Jahre alt geworden.

Wer mag, kann es Zufall nennen. Vielleicht war es aber auch das Datum ihrer Geburt, das Irmgard Chlebik am 8. März 1931 den Kampfgeist in die Wiege gelegt hat. Ausgerechnet am Weltfrauentag kam die Dame auf die Welt, deren Persönlichkeit bis heute so viele Rheinhauser berührt. Und die wie keine andere für Frauenpower im Kruppschen Arbeitsleben steht. „Es ist so bewundernswert, wie sie sich durch ihr eigenes schwieriges Leben gekämpft hat und dabei immer versucht hat, anderen zu helfen“, sagt Irmtraud Schefels, die Irmgard Chlebik bei Krupp kennengelernt und bis zuletzt Kontakt zu ihr gehalten hat.

„Ich höre auf zu leben, aber ich habe gelebt“ – mit diesem Trauerspruch in der Todesanzeige hat sich die Familie am 10. November 2016 von Irmgard Chlebik verabschiedet. Noch kurz zuvor hatte die Frau, die als damals einzige weibliche Betriebsrätin bei Krupp berühmt wurde, im Altenheim das Gewerkschaftslied „Brot und Rosen“ trotz der durch Demenz getrübten Erinnerung geschmettert. „Diesen Text konnte sie zwar nicht mehr ganz auswendig“, erinnert sich Irmtraud Schefels, die sie regelmäßig besucht hat. Aber die Arbeiter-Hymne „Keiner schiebt uns weg“, die klappte auch im hohen Alter noch ohne Probleme. Seit ihrem Tod lebt die Erinnerung an die Frauenrechtlerin Irmgard Chlebik weiter, weil Weggefährten wie Irmtraud Schefels oder der Kruppianer Gerd Kirbach sie aufrecht erhalten. Es gibt einen Text, den Irmtraud Schefels nach den vielen Gesprächen mit der einstigen Betriebsrätin zu Papier gebracht hat. Damit die Erkenntnis, was mutige Frauen wie sie erreichen können, nicht verblasst.

Irmgard Chlebik war in so vielerlei Hinsicht eine Pionierin. Drei Jahre nach ihrer Hochzeit ging ihre Ehe 1953 in die Brüche. Alleinerziehende Frauen, die öffentlich zu ihrer Situation standen, waren in den biederen 50er Jahren eine Rarität. Nach der Trennung von ihrem Mann bekam Irmgard Chlebik die Kündigung für die Krupp-Wohnung, in der sie mit den beiden kleinen Kindern wohnen geblieben war. Die Verzweiflung ließ die junge Frau aktiv werden. Sie suchte sich Arbeit im Hüttenwerk und wehrte sich gegen Ungerechtigkeiten wie diese.

Anfangs fiel es ihr schwer, laut zu werden. „Ich kann mich erinnern, dass ich nicht in der Lage war, mich irgendwo durchzusetzen. Ich ging nach Hause und weinte“, hat sie Irmtraud Schefels erzählt. Aber schnell merkte sie, dass man nur weiter kommt, wenn man sich wehrt.

Sie bewarb sich um einen besser bezahlten Arbeitsplatz in der Krupp-Kantine und wunderte sich, dass sie dort 100 Mark weniger verdienen sollte als die männlichen Kollegen. Irmgard Chlebik war der Gewerkschaft beigetreten und hatte viel gelesen, um mitreden zu können. „Ganz egal, ob man Walter oder Edeltraud heißt, wenn man gleiche Arbeit machte, hatte man auch Anspruch auf den gleichen Lohn.“

Das sollte ihr Leitsatz bleiben. Sie erreichte, dass die Frauen an ihrem Arbeitsplatz nicht mehr gedemütigt wurden. Die Zeiten, als sie und ihre Kolleginen auf den Knien zur Strafe den Fußboden säubern mussten, waren durch ihren Einsatz vorbei. Und: Sie fand den richtigen Ton, um in der Krupp-Kantine von den Männern akzeptiert zu werden. Daran kann sich Gerd Kirbach, der fast 40 Jahre im Stahlwerk Maschinist war, noch erinnern. „Sie hatte das passende Mundwerk.“

Mit viel Kraft und Mut schaffte Irmgard Chlebik den Spagat zwischen Arbeit und alleinerziehender Mutter. „Das war schon eine sehr schwer Zeit.“ Wenn eines der beiden Kinder krank war, erlaubte der Chef, dass sie in der halben Stunde Mittagspause schnell zu Hause Wadenwickel machen durfte. Mit diesen kleinen Freiheiten, für die sie gekämpft hat, legte sie den Grundstein zu mehr sozialer Gerechtigkeit.

„Sie hat den Putzfrauen zu einer Rente verholfen“, sagt der Sozialdemokrat Rainer Bischoff. Der Politiker, der im Jahr 1996 nach Rheinhausen zog, kennt auch diese Geschichte: „Später haben ihr Frauen, die sie auf der Straße traf, oft noch gedankt, dass sie für ihre Alterssicherung gekämpft hat.“ Irmgard Schefels und Gerd Kirbach haben den Landtagsabgeordneten mit ins Boot genommen, um zum Weltfrauentag mit prominenter Unterstützung für die Erinnerung an die große Rheinhauserin zu trommeln. Das wäre gar nicht nötig gewesen. Irmgard Chlebik war eine so mutige und kluge Frau – die vergisst keiner so schnell.

(jum)
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