Interview: Wie die Duisburer Bibliothek die Lesekompetenz fördert

Interview mit Jens Holthoff : Spielerisch Lesen lernen

Die Duisburger Stadtbibliothek widmet sich seit Jahren der Lese- und Lernkompetenz bei Jugendlichen – nur ganz anders als sonst üblich.

Es war der sogenannte „PISA-Schock“, der Anfang der 2000er Jahre ganz Deutschland in bildungspolitische Aufruhr versetzte: Erstens, weil die OECD der Bundesrepublik aufgrund einer internationalen Schülerleistungsuntersuchung in Sachen Bildung bei Fünfzehnjährigen ein miserables Zeugnis ausstellte und zweitens, weil ein Jahr später ein Leistungsvergleich zwischen den Bundesländern hinsichtlich der Lesekompetenz, der zentraler Gegenstand sowohl der internationalen als auch der nationalen Studie war, katastrophale Defizite bei dieser Zielgruppe zutage förderte.

Von da an intensivierte die Duisburger Stadtbibliothek ihr Engagement in der Leseförderung und geht seitdem in dieser Hinsicht teils ungewöhnliche Wege. In diese Zeit fällt die Gründung vom Projekt „Leselust statt Lesefrust“, das 2019 zum 15. Mal stattfand. Miterfinder des 2005 ins Leben gerufenen Leseprojektes und seitdem ständiger Begleiter ist Jens Holthoff, studierter Sozialwissenschaftler und Sachgebietsleiter in der Stadtbibliothek für die Bereiche Kinder- und Jugendbibliothek, Servicestelle für Kindertagesstätten und Schule sowie Schulmedienzentrum.

Wie begann das Projekt damals?

Holthoff In den Jahren 2002 bis 2004 beteiligten sich in Duisburg an dem landesweiten Modellprojekt „Medienpartner Bibliothek und Schule NRW“, das von der Bertelsmann-Stiftung und dem Land Nordrhein-Westfalen ins Leben gerufen wurde, drei Bibliothekszweigstellen und fünf Schulen, darunter eine Grund-, Haupt-, Real- und Gesamtschule sowie ein Gymnasium. Vornehmliches Ziel war die modellhafte Entwicklung und Implementierung unterschiedlicher, kooperativer Leseförderaktivitäten in Schule und Bibliothek. Die Duisburger Stadtbibliothek engagierte darauf hin zwei Schauspieler (Gabrielle Odinis und Olaf Schürmann), die inszenierte, dialogische Lesungen in den Unterricht der besagten Schul(typ)en einbrachten, indem die Schülerinnen und Schüler unterschiedlicher Jahrgangsstufen selber kleinere Textstellen vorlesen und eigene schauspielerische Fähigkeiten daran erproben konnten.

Und wie ging es dann weiter?

Holthoff Die gemeinsame Auswertung dieser ersten Lesereise führte zu der Erkenntnis, zwar den richtigen Weg in der Förderung von Leselust und Lesemotivation eingeschlagen zu haben, aber auch zu der Einsicht, in einigen Punkten Kurskorrekturen vornehmen zu müssen. Daraus entstand die Implementierung des Projektes in den Deutschunterricht, die Konzentration auf eine Schulform (Hauptschule) sowie der modulhafte Aufbau eines Lesetextes für sechs Unterrichtsstunden pro Klasse zuzüglich Vertiefung und Nachbereitung durch die beteiligten Lehrerinnen und Lehrer. Aus der Ursprungskonzeption mit einer Veranstaltung wurde eine dreiteilige Unterrichtseinheit über drei Wochen. Das war die Geburtsstunde des Projekts „Leselust statt Lesefrust“, die im April 2005 dann startete.

Was ist das eigentlich Besondere an dem Projekt?

Holthoff Das „Leselust“-Projekt versteht sich als eine Art Jogging für Sinne und Gefühle. Bei dieser Form der Leseförderung geht „Spaß vor Inhalt“. Texte werden als „Spielmaterial“ genutzt und „das Ohr liest mit“. Lautes Lesen schärft die Sinne und selbst Zahlen können „sexy“ klingen. Dazu gehört es, die verschiedenen Arten und Wirkungen der Rede- und Sprechweisen kennen zu lernen, auszuprobieren und sinngebend beziehungsweise gestaltend anzuwenden: Lautstärke, Betonung, Sprechtempo, Rhythmus, Tonlage, Klangfarbe, Stimmführung und Artikulation, aber auch Körpersprache wie Haltung, Gestik und Mimik.

Doch wie wurde das konkret umgesetzt?

Holthoff In den Jahren 2005 bis 2007 bestand das Projekt aus drei Modulen: 1. einer 90-minütigen Einleitung, Einführung und Einstimmung der Schülerinnen und Schüler in das Projekt durch die Projektleitung in deren Klassenzimmer; 2. einer 90-minütigen Lesung eines Textes durch zwei Schauspieler inklusive anschließender Diskussion in der nächstgelegenen Bibliothek und 3. einem 90-minütigen Lesetraining der Schülerinnen und Schüler durch die Schauspieler in der Schule.
2005 wurden an Texten der Jugendroman von Andreas Schlüter „Level 4“ sowie das Theaterstück „Was heißt hier Liebe“ verwendet. Die beteiligten Schauspieler waren Rebecca Engel und Olaf Schürmann. 2006 war als Text das Drama „Burning Love“ von Fitzgerald Kusz ausgewählt worden und als Schauspieler Rebecca Engel und Kaspar Markus Küppers. 2007 bis 2016 hießen die Protagonisten Silke Rocca und Peter G. Dirmeier, die als Text eine Dramatisierung der Erzählung „Die Belagerung“ von Martin Baltscheit verwendeten.

Und wie sieht es heute aus?

Holthoff Seit 2008 besteht das Leseprojekt aus zwei Stufen und hat ein Zeitfenster von 14 Tagen. Die erste Stufe ist eine 30-minütige Einführung zu Text, Inhalt und Lesetechnik und einer rund 60-minütigen Theater-Lesung durch zwei Schauspieler mit anschließender Diskussion in der Zentralbibliothek. Die zweite Stufe ist dann ein 90-minütiges Lesetraining mit den gleichen Beteiligten in der Schule. Als Text dient seit 2017 bis heute eine Lesefassung des Jugendstückes „Krabat“ von Otfried Preußler. Die Schauspieler dafür sind Silke Rocca und Sascha von Zambelly.

Wie viele Schüler hat das Projekt in seinen 15 Jahren erreicht?

Jens Holthoff ist verantwortlich für die Kinder- und Jugendbibliothek. Foto: Uwe Koeppen
Jan-Pieter Barbian leitet die Duisburger Stadtbibliothek. Foto: Friedhelm Krischer

Holthoff Im Schnitt treffen wir pro Klasse auf 28 Schülerinnen und Schüler. Mit zehn Klassen arbeiten wir im Jahr, das macht jährlich 280 Jugendliche. In den 15 Jahren haben wir demnach rein rechnerisch 4200 Schülerinnen und Schüler mit dem „Leselust statt Lesefrust“-Projekt erreicht. Der nächste Durchgang ist übrigens für Juni 2020 vorgesehen.