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Erlebnisbericht von der Loveparade-Panik: "Ich konnte nur noch schreien"

Erlebnisbericht von der Loveparade-Panik : "Ich konnte nur noch schreien"

Für Anja Khersonska endete der 24. Juli in einer Katastrophe. Die 16-jährige Schülerin aus Düsseldorf war mit ihrem Freund und fünf weiteren Freunden zur Loveparade gefahren. Sie erlebte die schrecklichen Ereignisse hautnah mit.

"Schon im ersten Tunnel wurden wir eng aneinander gepresst und von der Menge vorangetragen. Dann traten wir wieder ins Licht und konnten nichts mehr sehen als Menschen, Menschen und noch mehr Menschen.

Besucher versuchten, an einer Mauer hochzuklettern. Einen Weg zurück gab es nicht, die Masse bewegte sich nach vorne, trug uns immer weiter. Meine schweißnassen Hände hielten die meiner Freunde fest umklammert, als wir Menschen eine Treppe aufsteigen sahen, ein Weg in die Freiheit. Dieser Anblick verlieh uns Hoffnung, wir wollten dorthin, beeilten uns, fühlten einen immensen Druck von hinten und Gliedmaßen überall um uns herum — wir waren eingequetscht in einer schreienden Meute, in der jeder nur eins im Sinn hatte: unbeschadet die Treppe hochkommen.

Polizisten halfen einigen, die hohen Stufen hochzukommen, während wir anderen unten blieben. Das Atmen viel uns zunehmend schwer. Plötzlich kam ein gewaltiger Stoß von hinten, so dass wir Mühe hatten, uns auf den Beinen zu halten — die Hand meiner Freundin rutschte ab, ich schrie laut auf, versuchte die Leute hinter mir zu Ruhe zu bewegen, aber die Panik wurde immer größer. Ich krallte meine Fingernägel in die Haut meines Freundes und wünschte mir, die Situation ausblenden zu können, den Schmerz, den Luftmangel, den extremen Schweißgeruch — und einfach in einen Tagtraum versinken zu können. Aber mein Gehirn arbeitete weiter, suchte nach einem Ausweg, nach einem bekannten Gesicht in der Menge — und fand es nicht.

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"Mein Freund hat mit das Leben gerettet"

Ich brach in schiere Verzweiflung aus, ich schrie und schlug um mich, bis ich zwei starke Arme auf meinem Rücken spürte, als mein Freund mich an sich presste und mir liebevolle Worte ins Ohr schrie. Plötzlich sah ich das tränenüberströmte Gesicht meiner Freundin rechts von mir. Ich ließ meinen Freund los, drehte mich mit Mühe um, streckte die Hand aus und ergriff die ihre. In diesem Augenblick schaute ich nach unten.

Was ich sah, blendete meinen Schmerz aus: Da lagen Menschen übereinander. Einer über dem anderen, auf dem Boden gestapelt wie Heringe im Fischernetz. Sie sahen mich mit gequälten, sterbenden Augen an. In diesem schrecklichen Augenblick hatte ich plötzlich ein Bild in meinem Kopf, ich sah meinen Freund und meine Freundin da liegen, unter anderen begraben, wie sie mich mit ins Nichts starrenden Augen ansehen — und fiel in dem Moment selbst auf den Menschenhaufen. Ich schrie, wurde von meinem schreienden Freund hochgezogen und wusste, dass er mir das Leben gerettet hatte. Und da wusste ich, dass dieses Bild in meinem Kopf nie wahr werden darf. Nie, um keinen Preis!

Ich spürte das Adrenalin in meinem Blut, den Wunsch zu leben, den Wunsch, meine Freunde nicht tot zu sehen und drehte mich um, starrte in die Menge und schrie: "Tut mir leid!". Ich zog meine Freunde an den Händen und machte den ersten Schritt in die Richtung, wo irgendwo in weiter Ferne der Ausgang war. Ich ging los, brüllte immer wieder diese drei Worte, blickte jedem Menschen direkt in die Augen, die vor Panik geweitet waren, schrie und ging weiter — sie machten Platz für uns, ein Wunder, an das zu glauben mir schwer fiel — ebenso wie das Denken an sich, denn alle Gedanken machten meinen Wunsch Platz, uns da heil rauszubringen.

"Menschen liefen ahnungslos ind en Todeskessel hinein"

Und dann wurde die Menge plötzlich lichter, es gab Luft, es gab Platz, es gab lächelnde Gesichter — Menschen, die trotz allem in den Todeskessel hineinliefen. Ich rief ihnen zu, sagte, sie sollten umkehren, dass da Menschen sterben würden, sagte es jedem, der es hören wollte, aber sie lachten, glaubten dem rothaarigen Mädchen nicht, dessen Freund nur noch schreien konnte, dass er weg wollte, weg von diesem schrecklichen Ort.

Meine Freundin lief auf einen Polizisten zu und erzählte ihm, was da hinten passierte, aber er winkte ab, sagte, sie sollte weitergehen, er wisse es schon — wir liefen zu dem Nächsten und ja, es waren viele, die da standen und untätig zusahen, während Menschen wie Lemminge auf ihr Verderben zuliefen — oder das der Anderen. Sie lachten uns aus und sagten, es würde schon niemand sterben. Sie hielten diejenigen, die schon im Tunnel waren, nicht zurück, taten nichts, gar nichts — und uns glaubten sie nicht, wir waren nur dumme Kinder für sie.

Und dann schrie meine Freundin nach ihrem Freund, nach ihrem Vater, nach den Menschen, die sie liebte und wir liefen an dem gesperrten Eingang vorbei nach draußen, wo Millionen von Menschen warteten und noch nichts von dem wussten, was nur einige hundert Meter weg von ihnen geschah. Wir liefen weg, bis zu einem Supermarkt-Parkplatz, warfen uns auf den steinigen Boden, um zu versuchen, zu realisieren, was geschehen war — und um zu spüren, zu wissen, dass wir noch lebten.

(RP)