Interview: Serie Bedeutende Duisburger Demokraten: Hitler schon früh den Rücken gekehrt

Interview: Serie Bedeutende Duisburger Demokraten : Hitler schon früh den Rücken gekehrt

Hans Milchsack (1904 - 1984) war ein erfolgreicher Unternehmer, der sich von den Nazis nicht korrumpieren ließ. Unterstützt wurde er von seiner Frau, einer Enkelin von Konrad Duden, die mit ihm die Deutsch-Englische Gesellschaft gründete.

Die deutsch-britische Nachkriegsverständigung gehört zu den Grundfesten des europäischen Einigungsprozesses nach 1945 und entwickelte sich zu einem wesentlichen Garanten für den seit beinahe 70 Jahren andauernden Frieden in Europa. Zu den Personen, die diesen Prozess maßgeblich ermöglichten, gehörte ein bedeutender Unternehmer aus Duisburg-Ruhrort: Hans Milchsack, geboren am 29. Juni 1904 in Duisburg, gestorben am 6. November 1984 ebenfalls in Duisburg.

Als Adolf Hitler im Januar 1932 auf Einladung des Düsseldorfer Industrieclubs vor Industriellen, Bankiers, Kaufleuten und höheren Beamten seine Ideen offenbarte, gehörte der Duisburger Spediteur Hans Milchsack zu den Wenigen, die während des Vortrages aus Protest den Saal verließen. Während des Krieges verhalf Milchsack zahlreichen Regimegegnern zur Flucht vor den Nazis. Der Politik des Dritten Reiches stand Milchsack kompromisslos gegenüber. Vielen seiner Freunde und Bekannten half er, sich ins Ausland zu retten. Das wurde ihm nach dem Krieg durch eine "No Enemy Declaration" der niederländischen Regierung anerkannt. Einem Tochterunternehmen, das Milchsack in den Niederlanden unterhielt, wurden durch die deutsche Besatzungsmacht niederländische Zwangsarbeiter zugewiesen. Hans Milchsack hat sie anständig und gut behandelt, was die Niederländer honorierten: Auf ihre Empfehlung hin machte die britische Besatzungsmacht Hans Milchsack zum Bürgermeister von Wittlaer; außerdem sollte er später niederländischer Vize-Konsul werden.

Hans Milchsack entstammte einer traditionsträchtigen mittelständischen Rheinischen Unternehmerfamilie, die in der grenzüberschreitenden Schifffahrt führend tätig war. Bis zu den 1930er Jahren entwickelte sich die Reederei Milchsack zu einem der bedeutendsten deutschen Fachunternehmen mit großem eigenem Schiffspark, bestehend aus sechs Motorschiffen und zahlreichen Kähnen mit Verbindungen nach Antwerpen, Amsterdam und Rotterdam. Durch die Ausdehnung des Stückgutverkehrs auf dem Rhein über Mannheim, Karlsruhe, Straßburg nach Basel knüpfte Direktor Hans Milchsack zudem wichtige Kontakte nach Frankreich und in die Schweiz.

Bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurde die Schifffahrt auf dem Rhein oberhalb Karlsruhe gesperrt. Mehrere Schleppdampfer der Reederei Milchsack wurden von der Kriegsmarine beschlagnahmt, damit sie als Minensuchboote in den besetzten Niederlanden eingesetzt werden konnten.

Ab 1946 widmete sich Milchsack wieder seinem Unternehmen, das durch den Krieg weitgehend zerstört wurde. Die ersten Lebensmitteltransporte für das Ruhrgebiet liefen über seine Firma. Er zog seine verstreut lebenden Mitarbeiter wieder zusammen und begann mit dem Wiederaufbau.

Nach Kriegsende waren es die Niederländer, die die Amerikaner und später die britischen Besatzer auf Milchsack aufmerksam machten. Er sei ein unbelasteter und vertrauenswürdiger Mann für den politischen Wiederaufbau. Und so wurde Hans Milchsack Landrat des Landkreises Düsseldorf-Mettmann. Auf unbürokratische Weise führte er dieses Amt mit ausgeprägtem Engagement aus, indem er zahlreichen Menschen in der Not entscheidende Hilfe leisten konnte.

Hans Milchsack hatte in seiner Frau Lilo (1905 - 1992) eine starke und gleichgesinnte Wegbegleiterin. Während der Nazi-Diktatur wetterte die fremdsprachenbegabte Lilo Milchsack, übrigens eine Enkelin des Sprachforschers Konrad Duden, gegen das verbrecherische NS-Regime unter anderem in England vor NS-freundlichen Clubs und handelte sich den Ruf einer Nestbeschmutzerin ein. Bereits 1949 sollte Lilo mit finanzieller Unterstützung ihres Mannes die Deutsch-Englische Gesellschaft gründen und bis 1982 leiten. In seiner heutigen Form der Deutsch-Britischen Gesellschaft bildet der Verein samt seiner regionalen Stellen und befreundeter zivilgesellschaftlicher Organisationen seit 65 Jahren eine wichtige Säule der Deutsch-Britischen Verständigung.

Autor Robert Tonks ist Vorsitzender der Deutsch-Britischen Gesellschaft in Duisburg.

(RP)
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