Duisburg: Heikle Verkaufspläne

Duisburg : Heikle Verkaufspläne

Der jetzt bekannt gewordene Plan des Lehmbruck-Museums, ein Spitzenwerk aus der Museumssammlung für einen zweistelligen Millionenbetrag zu verkaufen, um andere Werke zu erwerben, sorgt für Diskussionsstoff.

Bislang ist es nur ein Plan, der geprüft wird. Der liest sich so: Das Lehmbruck-Museum nutzt die Chance des Kunstmarktes und verkauft aus seiner Sammlung Alberto Giacomettis Skulptur "Das Bein" für einen zweistelligen Millionenbetrag. Mit dem eingenommenen Geld wird wiederum ein anderes Werk Giacomettis angekauft, das unbestritten eine ideale Ergänzung zu dessen Hauptwerk "Frau auf dem Wagen" passt. Da "Das Bein" vermutlich mehrere Millionen Euro mehr einbringt als das begehrte Atelierbild zur "Frau auf dem Wagen", hätte das Lehmbruck-Museum darüber hinaus noch einen Ankaufsetat für Werke, die Lücken in der Skulpturensammlung des Hauses füllen können.

Giacomettis Skulptur "Das Bein" wird vielleicht verkauft. Foto: rp-archiv

Darf man das? Udo Vohl, kulturpolitischer Sprecher der SPD und Mitglied im Kuratorium des Lehmbruck-Museums, findet die Idee zumindest überdenkenswert. Wichtig sei aber, dass der erzielte Millionenbetrag nicht für die Gebäudesanierung des Lehmbruck-Museums verwendet wird, sondern ausschließlich für Kunst.

Ratsfrau Ellen Pflug, Vohls Stellvertreterin im Kulturausschuss, geht auf Konfrontationskurs zur Museumsleitung: "Über den Verkauf von Kunstwerken und wie der Verkaufserlös eingesetzt wird, entscheidet die Politik und nicht die Museumsleitung."

Kunstverkauf nur für neue Kunst

Allerdings: Das Lehmbruck-Museum wird in der Rechtsform einer Stiftung geführt. Und danach gehören die Kunstwerke der Museumsstiftung, das Gebäude aber dem Immobilienmanagement Duisburg, letztlich also der Stadt. Neben der Stiftungssatzung, wonach Kunst nur für neue Kunst verkauft werden darf, gibt es auch die Richtlinien des Internationalen Museumsrates ICOM (International Council of Museums). Danach ist ein Verkauf von Kunst nur in Ausnahmefällen zu erwägen, wenn vom Erlös neue Kunst angekauft wird.

Die Richtlinien von ICOM wurden hier in der Region zitiert, als die Stadt Krefeld vor sechs Jahren ein Ölgemälde von Claude Monet auf dem freien Markt für 18 bis 20 Millionen Euro verkaufen wollte, um mit diesem Geld das Kaiser-Wilhelm-Museum zu sanieren. Das wurde als Ausverkauf von Kulturgütern gebrandmarkt; schließlich entschied sich der Krefelder Stadtrat gegen einen Verkauf.

"Krefeld und Duisburg sind nicht zu vergleichen", sagte gestern Prof. Dr. Raimund Stecker, Direktor der Stiftung Lehmbruck-Museum. Wenn Giacomettis "Bein" verkauft wird, dann gehe es um einen "Kunsttausch" und um die Möglichkeit, die Sammlung zu "schärfen". Stecker: "Kunsthistorisch ist das Wandgemälde wegen des Bezugs zur "Frau auf dem Wagen" für das Lehmbruck-Museum bedeutender als die Bein-Skulptur — ganz unabhängig vom geldlichen Aspekt." Seit der großen Giacometti-Ausstellung im Jahr 2010 befindet sich dieses Wandbild, das Vorbild für die Skulptur ist, als Leihgabe aus New York im Lehmbruck-Museum. Mit dem Ankauf hat es bislang nicht geklappt.

Stecker geht davon aus, dass juristisch einem Verkauf von Giacomettis "Bein" aus dem Jahr 1958 nichts im Wege steht. Gleichwohl wäre es natürlich unbestritten schade, wenn sich das Lehmbruck-Museum davon trennen würde. "Das Bein" wurde 1960 für das noch im Bestehen befindliche Lehmbruck-Museum, das 1964 eröffnet wurde, direkt vom Künstler gekauft.

Schriftwechsel mit Giacometti

Es gibt im Museumsarchiv noch entsprechende Schriftwechsel mit Alberto Giacometti (1901—1966). "Das Bein" gehört zu den ersten Giacometti-Werken überhaupt, die für ein öffentliches Museum erworben wurden. Duisburg war damals, so hieß es vor zwei Jahren bei der überaus erfolgreichen Giacometti-Schau, ein Pionier für eine weitsichtige Museumspolitik.

(RP/rl)