Hafenrundfahrt Duisburg: An Bord mit Kapitän und Party-Oma

Hafenrundfahrt Duisburg : An Bord mit Kapitän und Party-Oma

Die Lausitzer Austauschreporterin Anja Hummel erlebt auf ihrer ersten Rundfahrt durch Duisburgs Hafen einige Überraschungen. Ihr Resümee: außergewöhnliche Reise!

Gerhard ist groß, Gerhard kann schwimmen, Gerhard nimmt mich mit – auf eine Reise durch den größten Binnenhafen der Welt. Es ist 13.15 Uhr, die Sonne lacht. Vor meiner Nase steht ein Kännchen Kaffee, auf meiner Nase sitzt die Sonnenbrille. Ich selbst sitze auf der „Weißen Flotte“. Und die heißt Gerhard. Gerhard Mercator.

„So, meine Damen und Herren“, ertönt eine männliche Stimme aus den Lautsprechern. „Ich begleite Sie während der Rundfahrt. Gleich verlassen wir den Innenhafen. Ich wünsche Ihnen eine gute Unterhaltung.“ Das Gesicht zur Stimme werde ich später noch kennenlernen.

Klara Cepul (93) ist die älteste Passagierin an diesem Tag. Foto: Anja Hummel

Jetzt stehen mir und den etwa 50 anderen Fahrgästen erst einmal zwei Stunden auf dem Wasser bevor. Ausgelastet ist Gerhard damit lange nicht. Gut 250 Passagiere haben hier insgesamt Platz. „Am Wochenende sind wir immer ausgelastet“, versichert mir eine Mitarbeiterin. Heute ist Donnerstag. Matrose Cavan Höffken verteilt Infoflyer und – für diejenigen, die sich vor der Sonne schützen möchte – Schirmmützen. Ich brauche keine, konzentriere mich auf die Landschaft rechts und links des Wassers. Wir biegen auf den Rhein ab. Es geht vorbei an Containern und Kränen, Zement und Kohle. Schornsteine rauchen in der Ferne, eine riesige Chemiefabrik offenbart sich vor meinen Augen. Ich laufe auf und ab, schieße Fotos. So grau und lieblos der ein oder andere Fleck aussieht, so beindruckend ist die Industrieatmosphäre auch. Was mich wirklich ins Staunen bringt: die vielen Kunstwerke, die großen Grünflächen. Die gibt es hier nämlich auch.

Während ich mit dem Smartphone auf Fotojagd bin, schnappe ich englische Worte auf. Ich sehe Melina. Die 19-jährige Franzosin ist als Praktikantin einer Logistikfirma in Düsseldorf zu Gast. Zwei Kollegen zeigen ihr den Hafen. „Ich habe vorher nie davon gehört“, gesteht sie. „Die Industrie hier ist spannend, ich mag es.“ Der weltgrößte Container-Umschlagplatz im Binnenland hat eine Uferlänge von 40 Kilometern. Rund 36.000 Mitarbeiter sind hier beschäftigt,  250 Firmen sind hier ansässig. Das entspricht elf Prozent aller Arbeitsplätze in der Stadt. Eine Stadt, die Inseln hat. Zugegeben: Ich habe schon schönere Exemplare als die Duisburger gesehen. Gerade sind wir an Öl-, Kohle- und Schrottinsel vorbeigeschippert. Auf Letzterer wird tonnenweise Schrott für die Stahlindustrie getrennt und sortiert.

Tonnenweise Schrott: Auf der Insel an der Ruhrorter Schiffswerft wird Schrott für die Stahlindustrie getrennt und sortiert. Foto: Anja Hummel

Ich suche kurz Erholung von der Sonne, gehe die Treppen hinunter ins untere Deck. Die Rollatoren signalisieren mir: Hier ist „Seniorenumschlagplatz“. Während die Passagiere auf dem oberen Deck den Infos des Schiffführers lauschen, interessiert das hier unten niemanden. Aus einer kleinen, aber leistungsstarken Musikbox dröhnt das Lied: „Eine Seefahrt, die ist lustig, eine Seefahrt die ist schön“. Zwischen Kaffeegedeck und Rollatoren wird das Tanzbein geschwungen. Wer das aus Altersgründen nicht mehr schafft, der klatscht heftig im Takt. „Wir machen einen Tagesausflug“, erzählt Yvonne Pakel mit lauter Stimme. Anders würde ich sie nicht verstehen. „Wir gehören alle zusammen, wir sind von der Tagespflege und machen einen Ausflug“, erzählt die Altenpflegerin. Sie zeigt mir die älteste Passagierin. Klara Cepul sitzt lächelnd am Tisch. „Mir gefällt es sehr gut. Man kann hier sitzen, aus dem Fenster schauen und zuhören“, sagt die 93-Jährige. Sie habe erst kurz mitgetanzt, beteuert sie, „aber mein Herz“, sagt die Seniorin und schüttelt mit dem Kopf.

Ich gehe wieder nach oben. Was mich jetzt interessiert: Wessen Stimme tönt da die ganze Zeit aus dem Lautsprecher, versorgt uns Gäste mit zahlreichen Infos über Duisburgs Hafen? „Kommen Sie mal mit“, sagt Matrose Cavan Höffken. Ich folge ihm durch eine Holztür. „Klaus, zieh Dir was an“, ruft Höffken laut und lacht. Kein nackter Mann, sondern ein wohlgekleideter Schiffsführer erwartet mich in der Steuereinheit. Der 57-Jährige lenkt nicht nur das Schiff, Klaus Mörker gehört auch die Lautsprecherstimme. „Da muss man sich schon konzentrieren“, sagt er. „Bei uns läuft nichts vom Tonband, wir machen das live.“ Viele der Fahrgäste stellen sich Duisburgs Hafen grau vor. Industrie halt. Aber Matrose und Kapitän bestätigen: Die meisten Mitfahrer sind über die vielen Grünflächen und Skulpturen erstaunt.

 Mittlerweile ist der Nachmittag vorangeschritten. Es ist kurz nach 15 Uhr. Kapitän Mörker muss sich jetzt besonders konzentrieren. Der große Gerhard wird eingeparkt. Wir sind zurück am Schwanentor. Ich bin beeindruckt, als ich von Bord gehe. Mehr Überraschungen hätte es auf der Reise mit Gerhard nicht geben können. Hafenrundfahrt trifft tanzende Omis, Stahlindustrie trifft strahlenden Sonnenschein. Wenn das nicht jedermanns Erwartungen übertroffen hätte.

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