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Duisburg: Geschichte im Vergrößerungsglas

Duisburg : Geschichte im Vergrößerungsglas

Der 9. November ist ein Tag des Gedenkens, auch hier, wo 1200 jüdische Duisburger ermordet wurden. Die Vereinigung "Gegen Vergessen – Für Demokratie" schlägt einem Duisburger Jahreskalender der politischen Bildung vor.

Vor zwei Tagen wurde im Rathaus und am Denkmal am Rabbiner-Neumark-Weg an die Ereignisse im Jahr 1938 erinnert. Nur damit wird man der Bedeutung des 9. Novembers nicht gerecht, man kommt ihr vielleicht nahe. Denn an keinem anderen Tag im Jahr lässt sich neuere deutsche Geschichte so im Zeitraffer darstellen wie an diesem. Nicht zuletzt, weil dieser Tag auch ein gewählter Zeitpunkt von symbolischer Bedeutung war.

In der Abfolge: 1848 Erschießung des sächsischen Abgeordneten der Frankfurter Nationalversammlung Robert Blum in Wien. 1918 Ausrufung der "Weimarer Republik". 1923 Putschversuch von Monarchisten und Nationalsozialisten in München, "Marsch auf die Feldherrenhalle". 1938 Pogrome gegen jüdische Menschen und Einrichtungen im gesamten "Großdeutschen Reich". Und als Nachklang: Öffnung der Berliner Mauer am 9. November 1989 – 51 Jahre nach den Pogromen, 44 Jahre nach dem Untergang des Deutschen Reiches.

Geschichte im Vergrößerungsglas – und doch kaum vermittelbar, wie wir täglich sehen. Die Pointierung des 9. Novembers als Gedenktag für die verfolgten deutschen Juden hebt auf den ersten Blick die Niederlage der Nationalsozialisten hervor. Und das mit Recht: Von den etwa 1800 jüdischen Duisburgern, die vor 1938 hier lebten, sind 1200 von den Nazis umgebracht worden, wenn man die heutigen Stadtgrenzen zugrunde legt. Dennoch kann man argwöhnen, dass der 9. November auch als ein später indirekter Triumph gelesen werden kann: Die Nazis warfen die von ihnen gehasste Weimarer Republik auf den "Müllhaufen der Geschichte"; dort hat sie niemand heruntergeholt, bisher. Der 9. November 1989 unterstreicht die bekannte Alltagsweisheit: Manchmal ist weniger mehr. Der Reihe historischer Daten und Ereignisse lässt sich jedoch entnehmen, warum sich in der Bundesrepublik Deutschland trotz einer unbestreitbaren Erfolgsgeschichte nie eine Staatsbürgerkultur, die auch nur ansatzweise mit der anderer Staaten mithalten könnte, gebildet hatte. Licht und Schatten lassen sich an diesem Tag der deutschen Geschichte vermitteln – Identifikationen sind in diesem Lande jedoch anders zu stiften. Sie setzen ausnahmslos an der Nachkriegsgeschichte an, zu gründlich war der geschichtliche Bruch mit den beiden Eckdaten 30. Januar 1933 und 8. Mai 1945 geraten.

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Diese Integrationsleistung zu vollziehen ist die Kernaufgabe einer aufbauenden politischen Bildungsarbeit, gerade hier in Duisburg. Zu integrieren sind hierbei nicht nur die diversen, zudem krass gegenläufigen in die Tausende gehenden Migrationshintergründe, zu integrieren sind nicht zuletzt die Deutschen selbst. Im Grundsatz sind die Überlegungen nicht neu, sie werden seit Jahren vertreten. Neu ist jedoch der Verlust von Schamschwellen, man denke nur an die bloße Ankündigung sattsam bekannter Kräfte, hier in der Stadt am 9. November "Deutsches" oder was dafür gehalten wird, wieder "würdigen" zu wollen. Diesen Milieus ist gerade hier in Duisburg zu verdeutlichen: Deutsche im Sinne des Grundgesetzes müssen beileibe nicht deutscher Abstammung sein. Die erforderliche Breite und Tiefe kann nur durch eine Gemeinschaftsanstrengung erreicht werden. Konzentration der Kräfte in Raum und Zeit wurde dafür einmal gesagt.

Ein Jahreskalender der politischen Bildung und ein Minimum an praktischer Koordination würden hier in Duisburg schon einen gewaltigen Sprung nach vorne ermöglichen. Ein Vorschlag wird in Kürze von der Vereinigung "Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V." vorgelegt. Die Eckpunkte sind jetzt schon bekannt und gehen auf eine jahrelang Vorarbeit zurück: Eine "Woche des Gedenkens" um den 27. Januar kann auf die jährliche Gedenkveranstaltung am Tage selbst und den Mahn- und Gedenkgottesdienst am 30. Januar aufbauen. Europawochen wurden im Vorjahr zwar erstmals auf Initiative anderer durchgeführt, eine Ankerveranstaltung war aber der jährliche Abend "Europa feiert! Feiert Europa!". Er war auf Initiative der Vereinigung hin entstanden. Zu berücksichtigen wären im Entwurf zumindest zwei weitere Schlüsseldaten: Der 23. Mai, der Verfassungstag, in Duisburg seit 2007 begangen mit dem "Fest der Freiheit", und der 10. Dezember, der Tag der Menschenrechte. Das Ganze nicht als Hoheitsakt, sondern als Bürgerengagement.

Wolfgang Braun, Autor dieses Beitrags, ist Koordinator im Verein Gegen Vergessen – Für Demokratie.

(RP)