Geräumte Hochhäuser Die Verbannten aus Duisburg-West

Duisburg · Nach der Räumung zweier Hochhäuser in Duisburg-Homberg reichen die Gefühle der Bewohner von Verzweiflung und Resignation bis hin zum Willen, sich nicht unterkriegen zu lassen. Es muss ja weitergehen, sagt eine Betroffene.

 Anna Griebel will sich von der Entscheidung der Stadt nicht unterkriegen lassen.

Anna Griebel will sich von der Entscheidung der Stadt nicht unterkriegen lassen.

Foto: Christoph Reichwein (crei)

Anna Griebel ist mit ihren 72 Jahren eine starke Frau. Das sei sie immer gewesen, sagt sie. Ihre magere Rente reicht zwar nicht zum Leben, doch sie hat sich durchgebissen. Ihre Einkäufe erledigt sie immer noch selbst. Ihren Nachbarn, die nicht mehr gut zu Fuß sind, hilft sie so gut sie kann. „Es muss ja“, sagt sie. An diesem Freitagmorgen aber ist sie am Ende ihrer Kräfte, ringt, die Hände in die Griffe ihres grau-schwarzen Rollators gekrallt, bei so gut wie jedem Satz mit den Tränen. Sie, die lebenslustige alte Dame, die ihre Gehhilfe mit einer Orangenscheibe als Sitzkissen, einer Hawaiikette und Plüschtieren ihrer geliebten Enkelkinder verziert hat, steht vor dem Nichts. Sie sei immer stolz darauf gewesen, in ihrem Alter noch so selbstständig zu sein. Die Wohnung sei ihr Stück Freiheit gewesen. „Und die hat man mir jetzt genommen.“

Wie ihr, so geht es derzeit auch den 200 anderen Bewohnern der beiden Hochhäuser an der Husemannstraße in Duisburg-Homberg. Die Stadt hatte ihre Wohnungen am Donnerstagabend räumen lassen. Hintergrund sind eklatante Brandschutzmängel, die bei einer routinemäßigen Brandschau in den Gebäuden aufgefallen waren. Weil die Hochhäuser von Luftschächten durchzogen sind, über die sich der Rauch im Brandfall schnell im ganzen Gebäude verteilen würde, bestehe „Gefahr für Leib und Leben“, heißt es vonseiten der Stadt. Die Bewohner mussten ihr Zuhause räumen, unverzüglich, von einem Moment auf den anderen. Sie hatten am Donnerstagabend vier Stunden Zeit, um Dinge zusammenzupacken – vier Stunden für ein ganzes Leben. Wann und ob sie überhaupt zurückkommen können, weiß derzeit niemand. Duisburgs Wirtschaftsdezernent Andree Haack geht davon aus, dass es Monate dauern könnte.

Duisburg-Homberg: Bewohner müssen zwei Häuser wegen Brandschutzmängeln verlassen
18 Bilder

Stadt Duisburg lässt zwei Häuser in Homberg räumen

18 Bilder
Foto: dpa/Christoph Reichwein

Am Freitagmorgen herrscht Verunsicherung bei den Bewohnern, die an ihr Zuhause gekommen sind. An ihr Zuhause wohlgemerkt. Hinein durfte am Morgen niemand. Die Stadt hatte noch am Donnerstagabend die Schlösser austauschen lassen. Während sich die Bewohner in kleinen Grüppchen unterhalten, schweißt ein Bautrupp Kellergitter zu und Stahlplatten vor Seiteneingänge.

Ingrid Porschhöfer ringt um Fassung, als sie auf die Arbeiten blickt. Seit 2005 lebt sie in einer der 88 Wohnungen – achte Etage, rund 55 Quadratmeter, ihr kleines Reich. „Mit geht es wirklich schlecht“, sagt sie. „Die Entscheidung hat mir den Boden unter den Füßen weggezogen. Das schlimmste ist, dass keiner weiß, wie es weitergeht.“ Die Informationspolitik der Stadt sei wirklich schlecht. „Ich bin zum Glück bei meinem Sohn untergekommen. Diese Chance hatten viele andere nicht.“ Sie rechnet nicht damit, zeitnah in ihr Heim zurückkehren zu können. „Im Gegenteil“, sagt nie. „Ich glaube nicht, dass ich überhaupt noch einmal dort wohnen werde“

Auch Dieter Over wurde von der Maßnahme der Stadt überrascht. Er lebt seit 17 Jahren an der Husemannstraße. „Das ist traurig und eine absolute Frechheit“, sagt er. „Ich wollte gestern los zur Arbeit. und dann hieß es plötzlich, ich bekäme vier Stunden Zeit, um mein ganzes Leben zusammenzupacken. Was ist das für eine Art mit Menschen umzugehen? Sein Chef habe nur wenig Verständnis gehabt. „Da hieß es, wenn ich heute nicht komme, bräuchte ich gar nicht mehr wiederzukommen.“

Schicksale wie diese gibt es in diesen Tagen unzählige an der Husemannstraße. Da ist Dieter Berner, der seine Frau nicht erreicht, die in Tottenham war, um dem BVB zuzujubeln. Da sind Andreas Kanigowski und Matthias Heußner, die wie rund 40 andere Mieter keine Verwandten oder Freunde in der Nähe haben, zu denen sie können, und die deshalb in der Flüchtlingsunterkunft an der Memelstraße in Duisburg Neudorf unterkommen mussten. Da sind unzählige Nachbarn und Anwohner, wie Trinkhallenbetreiberin Beatrix Both, die nicht wissen, wie sie ihren Bekannten in diesen schweren Tagen helfen sollen, weil niemand weiß, wie es weitergeht.

Mut machen könnte den Bewohnern allenfalls eine starke Frau aus ihrer Mitte. Anna Griebel denkt mit ihren 72 Jahren nicht daran, sich von der Räumung ihres Zuhauses unterkriegen zu lassen. In der ersten Nacht ohne eigene Wohnung, die sie im Kinderzimmer ihrer Enkel verbracht hat, hat sie einen Entschluss gefasst. „Es muss weitergehen“, sagt sie. „Dann muss ich mir eben etwas Neues suchen. Es kann schließlich nicht angehen, dass ich meiner Familie deshalb zur Last falle.“

Sie sagt diese Sätze mit einem entschlossenen Blick auf die beiden Hochhäuser. Von den Tränen von eben ist nichts mehr zu sehen. „Ich muss los“, sagt sie plötzlich. „Der Alltag, Sie wissen schon. Ich muss noch bei der Tafel helfen. Das habe in in den vergangenen Jahren immer gemacht.“ Dann wendet sich sich zum Gehen. Den schwarz-grauen Rollator mit der Orangenscheibe und den Plüschtieren ihrer Enkelkinder schiebt sie vor sich her.

Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort