Duisburg: Genius des Todes bei Lehmbruck

Duisburg : Genius des Todes bei Lehmbruck

Generationen von Sammlern und Lesern haben ihre Bücher mit einem eingeklebten EX LIBRIS (wörtlich: aus Büchern von ...), einer anspielungsreichen Meistergraphik im Miniaturformat, ausgestattet.

Damit wollte der Besitzer in einer persönlichen Visitenkarte sein eigenes Leben, seinen Beruf und sein Denken, aufzeigen.

Noch heute gibt es die über 100 Jahre alte Deutsche Exlibris-Gesellschaft e.V. mit Sitz in Berlin, deren Mitglieder sich weltweit diesen verschlüsselten Bildzeichen begeistert hingeben. Zu Klingers Zeit, dessen Entwürfe zu Exlibris in der aktuellen Ausstellung erstmals in großer Zahl ausgestellt sind, war es bereits eine Modeerscheinung.

"Und soviel der Künstler schafft, kann er doch nicht annähernd alle Bestellungen erledigen. Tatsächlich sind die meisten seiner Exlibris sogar Werke der Freundschaft" (H.W. Singer über Emil Orlik, den Meister dieses Genres). Einen solchen persönlichen Freundschaftsbeweis schuf Klinger 1910 für den Berliner Mediziner und Mitglied des Berliner Exlibris-Vereins Dr. Kuno Waehmer. Der kleine Amor schneidet dem dumpf vor sich hinbrütenden Todesengel (Thanatos) etliche Federn der mächtigen Flügel ab.

Einige liegen schon am Boden. Denn eben diese, so wird es der Betrachter bald erraten, gehören gleichermaßen zu den Attributen des engelhaften Liebesgottes Amor, der sich die Flügel vom schlafenden "Tod" rauben kann. Der auf seinem Sockel hockende Greis lässt seine eigentlichen Attribute für eine Weile ruhen: Stundenglas und Sense.

Nicht den gealterten und müden Sensenmann, sondern den jugendlichen geflügelten Genius, der gleichermaßen nackt und mit gewaltigen Schwingen erschöpft auf seinem Sockel hockt, schilderte auch Wilhelm Lehmbruck um 1917 im Angesicht des 1. Weltkrieges. In mehreren Radierungen kombiniert er seinen "verwundeten Todesgenius" mit dem "Englischem Gruss", der erlösenden Verkündigung durch den weiblichen Engel, ferner mit dem Gebet, der "Ode an den Genius", und zuletzt mit dem "sterbenden Krieger", der wie der geflügelte Ikarus vom Himmel abgestürzt ist.

Info Dr. Gottlieb Leinz, Autor der Serie, ist stellvertretender Museumsdirektor und Kurator der Klinger-Ausstellung, die am 1. Mai endet.

(RP)