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Duisburg: Für vier Pfennige in den Tod gefahren

Duisburg : Für vier Pfennige in den Tod gefahren

Am Freitag wurde in der Nähe des Hauptbahnhofs ein Mahnmal für Kinder eingeweiht, die Opfer der Nazis wurden. Vor vier Jahren hatte der Jugendring der Stadt angeregt, ein Mahnmal für jene 131 jüdische Kinder aus Duisburg zu gestalten, die nachweislich Opfer der Nazis wurden. Doch erst Freitag war es soweit, dass das vom Duisburger Künstler Gerhard Losemann konzipierte Werk offiziell eingeweiht wurde. Und zwar gegenüber dem Harry-Epstein-Platz des Hauptbahnhofs. Wenn die Bahnhofsplatte in einigen Jahren fertiggestellt ist, soll das Mahnmal dort seinen endgültigen Platz finden.

Das Mahnmal hat seinen Grund, der klipp und klar auf dem stählernen Mahnmal nachzulesen ist: "Von dieser Stelle wurden zwischen 1938 und 1945 mindestens 130 jüdische Kinder aus Duisburg mit der Deutschen Reichsbahn in die nationalsozialistischen Konzentrations- und Todeslager deportiert." Superintendent Armin Schneider, diesmal als Sprecher des Bündnisses für Toleranz und Zivilcourage, machte am Beispiel der Familie Gärtner klar, was während des Nazi-Terrors jüdischen Menschen in Duisburg geschehen war. Auch der kleine Sohn dieser jüdischen Familie wurde in einem Todeslager umgebracht. Mit der Reichsbahn wurde er von Duisburg abtransportiert. Die Deportation in die verschiedenen Lager war für die Reichsbahn durchaus ein lukratives Geschäft. Armin Schneider zitierte die Preise: "Vier Pfennige pro Person und Kilometer, Kinder ermäßigt."

Oberbürgermeister Sören Link sagte, dass das Mahnmal "wie ein Aufschrei" wirke. Je länger die Nazizeit zurückliege, desto weniger Zeitzeugen könnten darüber berichten, sagte Link. "Und desto mehr brauchen wir öffentliche Orte der Erinnerung." Das Mahnmal habe zwei Bedeutungen. Zum einen weise es darauf hin, dass am Duisburger Hauptbahnhof einst Unfassbares geschehen sei. Zum anderen müsse es auch in die Zukunft weisen, in dem Sinne, dass es "nie wieder Ausgrenzung, nie wieder Hass, nie wieder Faschismus" geben dürfe.

Gerhard Losemann, der auch das Mahnmal für die Opfer der Loveparade gestaltete, hatte zunächst an eine Skulptur aus Stein gedacht, sich dann aber für das Material Stahl entschieden, weil es besser zu der Stadt passe. Im Innern des etwa drei Meter hohen Mahnmals hat Losemann auf Schrifttafeln die Namen der 131 jüdischen Kinder aus Duisburg festgehalten, die nachweislich in den Lagern umgebracht worden waren.

Der Duisburger Historiker Dr. Ludger Heid hatte die Namen vor einigen Jahren recherchiert. Mit Bedacht hat Gerhard Losemann das Mahnmal so gestaltet, dass der Betrachter ins Innere schauen muss, um seinen Sinn ganz zu erfassen.

Trotz aller Förmlichkeiten, die bei einer solchen Einweihung gewiss angebracht sind, wirkte die gestrige Feier- und Gedenkstunde auch versöhnlich. Dazu trug nicht zuletzt der neunjährige Enkel Losemanns bei, der am Schluss auf dem Saxofon sehr schön "Over the Rainbow" spielte.

(RP/ac)