Duisburg: Familientreffen als Totenwache

Duisburg: Familientreffen als Totenwache

Roberto Ciullis "Immer noch Sturm"-Inszenierung war jetzt auf dem Akzente-Theatertreffen zu sehen.

Beim Schriftsteller Peter Handke scheiden sich zuweilen die Geister - menschlich wie literarisch: Manch einer seiner Kritiker verurteilt ihn nach wie vor für seine Rolle als öffentliche Person im damaligen Jugoslawien-Krieg in den 1990er Jahren. Andere wiederum zollen ihm für seine klare Haltung damals noch immer Respekt. Und es gibt einerseits eine Leserschaft seiner Texte, die liebt diese abgöttisch, eine andere dagegen kann damit so gar nichts anfangen.

Solche Zwiespälte und natürlich das Thema Minderheiten, das dem 2010 geschriebenen und im September desselben Jahres veröffentlichten Text "Immer noch Sturm" innewohnt, interessiert das Ensemble des Theaters an der Ruhr schon immer, insbesondere seinen Gründer und Leiter Roberto Ciulli. Insofern dauerte es keine zwei Jahre, bis das Mülheimer Theater das Stück im März 2012 auf seinen Spielplan nahm. Jetzt war die unaufhaltsam in ihren Bann ziehende Inszenierung beim Akzente-Theatertreffen zu erleben.

In dem Stück, das als erzähltes Drama beziehungsweise als dramatische Erzählung gebaut ist, zeigt der Autor den Zweiten Weltkrieg aus Sicht der unterdrückten Kärntner Slowenen. 1941 schlossen sich im Bundesland Kärnten im Süden Österreichs Mitglieder der slowenischen Minderheit zum bewaffneten Kampf gegen das deutsche Militär zusammen. Handke, Jahrgang 1942, ist selbst unehelicher Sohn einer Kärntner Slowenin und eines deutschen Wehrmachtssoldaten und schreibt quasi hier seine eigene Familiengeschichte auf und verwebt diese mit seiner fiktiven Dramenhandlung. Insofern enthält das Theaterstück durchaus (halb)biografische Züge seiner slowenischen Vorfahren, mehr aber erzählt es von Krieg, vom Widerstand gegen die Nazis und von den Konflikten in der Familie. Nicht zuletzt ist das Drama ein Stück Zeitgeschichte. Es geht auch um Ahnenkult: Tote treten auf, als wären sie noch am Leben. Aber auch der Autor (Handke ist als ICH-Figur dabei und redet mit allen. "Ich möchte mit meinen Vorfahren in ein Gespräch kommen, weil das großartige Menschen waren, die zugrunde gegangen sind", sagte Handke einst in einem Interview mit der Wochenzeitung "Die Zeit".

Ciulli macht in seiner Inszenierung aus dem Handkeschen Totenkult eine mitreißende Trauererzählung. "Im Theater an der Ruhr soll Handkes Stück zum Traumerlebnis werden", verkündete Ciulli seinerzeit. Und das ist es auch geworden. Das Bühnenbild von Gralf-Edzard Habben zeigt passenderweise ein großes Fenster, das eine Grenze zieht zwischen drinnen und draußen, und dazu ein spärlich eingerichtetes Schlafzimmer. Zu Beginn des Stückes liegt der ICH-Erzähler im Bett.

Unglaublich präsent spielt Volker Roos den alten Mann in seinen letzten Zügen. Seine Verwandten treten durch das Fenster ein und machen das Familientreffen zu einer Art Totenwache mit Geistern, die die Vergangenheit rief.

"Wenn unsere Geschichte keine Tragödie ist, was dann?", fragt die Mutter, faszinierend gespielt von Petra von der Beek. Alle stehen währenddessen in Totentanz-Pose beieinander und reichen symbolträchtig ein Buch, quasi den Spieltext, in Form eines Rituals, es nämlich beschnuppernd und küssend, jedem weiter. Einen genialen Regieeinfall hatte Cuilli bei der Umsetzung von Zeitenwechseln, spielt die Geschichte doch zwischen 1936 und 1945: Rollen zu Friedenszeiten noch viele knackige rote Äpfel auf die Bühne, kugeln zum Schluss nur noch dumpfe Totenköpfe stattdessen.

Auch wenn nach zwei Stunden Spieldauer bis zur Pause noch kein Besucher den Duisburger Theatersaal verließ, dann taten es doch einige.

Der Rest indessen blieb für weitere 75 Minuten und dankte am Schluss dem Schauspielensemble mit einem verdient langanhaltenden Beifall.

(RP)