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Duisburger Geschichte und Geschichten: Fake-News verbreiten Angst

Duisburger Geschichte und Geschichten : Fake-News verbreiten Angst

In neuerer Zeit verbreitet eine Fake-News zur "Organmafia" Angst und Schrecken. Meldungen auf Facebook warnen davor, dass Kinder von der "Organmafia" entführt und ins Ausland verschleppt werden.

"Achtet auf Autos mit ausländischen Kennzeichen und Zigeuner", so die Warnung. Sie schließt mit dem Hinweis, die Meldung zu teilen. Die Schreckensmeldung ist falsch, teilte die Polizei auf Nachfrage der RP am 17. April 2014 mit. Ein neues Phänomen? Wie so oft hilft ein Blick in die Geschichte. So gibt es viele historische Beispiele für Fake-News, die gezielt einzelne Personen und Gruppen diffamierten. Hier eine beispielhafte Auswahl mit Duisburger Bezügen.

Juden: Für die Menschen im Mittelalter war das Auftreten der Pest in Duisburg vor allem eine Strafe Gottes. In dieser aufgeladenen Atmosphäre wurden Schuldige gesucht - so kam es 1350 zu Verdächtigungen gegenüber den Juden. Sie wurden als Handlanger des Teufels bezeichnet, die Brunnen vergiften und damit für die Ausbreitung der Pest sorgen. Die Juden wurden auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Von Wesel aus wurde am 11. Juni 1350 der Bote Peter Hunnen nach Duisburg geschickt. Er sollte wegen des "Judengiftes" nachfragen und ob die Verbrannten etwas verstreut hätten. Die Hetze gegen Juden setzte sich über die Jahrhunderte fort.

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Der Xantener Ritualmordvorwurf gegen den Juden Adolf Buschhoff, der angeblich einen fünfjährigen Jungen ermordet haben sollte, brachte die Volksseele am Niederrhein 1891 zum Kochen. Hass, Schmähungen, Verleumdungen führten zur Lynchstimmung - was fehlte waren Fakten. Trotz Freispruch war Buschhoffs Leben durch die haltlosen Verdächtigungen zerstört. Noch 1942 wurde im Kriegs-Heimatkalender die Legende vom Xantener "Ritualmord" für die Propaganda gegen Juden benutzt.

Die Liste der Fälschungen und Verdächtigungen gegen Juden lässt sich beliebig fortsetzen. Die "Mutter aller Fake-News" sind seit 1903 die "Protokolle von Zion". Die antisemitische Verschwörungstheorie, sieht in den Protokollen den Beweis, dass "das Judentum" die Weltherrschaft anstrebe. Dabei sind diese Pseudo-Protokolle definitiv als Fälschung entlarvt.

Hexen: Wie viele Theologen war selbst Luther von der Existenz von Hexen überzeugt: "Sie schaden mannigfaltig. Also sollen sie getötet werden". Meist begann es mit einer Verdächtigung und Beschuldigung. Der "Schadenszauber" entwickelte eine bösartige Eigendynamik, die sich meist auf Frauen zuspitzte. So wurde oft willkürlich eine mehr oder weniger auffällige Frau als molketoeversche (Milchhexe, Milchzauberin) beschuldigt. War das Gerücht in der Welt, verbreitete es sich wie ein Lauffeuer, auch ohne Facebook. Die Chronik des Duisburger Johanniterkaplans Johann Wassenberch berichtet von elf Hexen (toyfuerschen) , die in der Zeit von November 1513 bis Februar 1514 auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurden. Aus der überlieferten Prozesskostenrechnung geht hervor, dass der Scharfrichter am 6. Oktober 1561 aus Kleve anreiste, um die Hexe Agnes Muisfeltz peinlich (d. h. mit Folter) zu verhören. Zwei Jahre später trug ein mutiger Arzt, Johann Weyer, dazu bei, dass in Duisburg der Eifer der Hexenjäger nicht noch mehr Opfer forderte. Der Leibarzt des Herzogs von Cleve, wandte sich mit seiner Schrift "Über Blendwerke der Dämonen" (1563) gegen die Schrecken des Hexenglaubens. Eine wahrhaft mutige Leistung.

Vaterlandsverräter: Die Dolchstoßlegende "Im Felde unbesiegt" war eine von der deutschen Obersten Heeresleitung in die Welt gesetzte Verschwörungstheorie, dass das deutsche Heer nicht durch die Feinde besiegt, sondern hinterrücks erdolcht worden. Linke Vaterlandsverräter, streikende Arbeiter und jüdische Verschwörer trugen danach die Schuld an der Niederlage im Ersten Weltkrieg. In der aufgeladenen Stimmung der Ruhrbesetzung 1923 fand die Mär auch in Duisburg Anhänger. So hat sich die kontroverse Deutung des Siegfried-Denkmals auf dem Kaiserberg bis zum heutigen Tage erhalten. Heldenkult oder Friedensmahnung? Die umstrittene Gedenkstätte "Ehrenfriedhof Kaiserberg" wird immer wieder von Neonazis für ihre Weltsicht vereinnahmt. Lässt man die unendliche Geschichte der Lügen, Hetze und Umdeutungen Revue passieren, stellt man ernüchtert fest, dass in der Vergangenheit weder Faktentreue noch Wahrheitsliebe auf der Tagesordnung standen.

Das ist heute nicht anders. Die emotionale Wahrnehmung ist offenbar stärker als die Kraft des Faktischen. Die Methode einzelne Personen, Gruppen und Nationen zu diffamieren sind Vorboten einer Eskalation: Hass und Radikalisierung sind die Folge. Die sozialen Medien bieten dazu weltweit eine neue, beunruhigende Plattform.

(RP)