Ulrike Wittenborn: Erinnerungen eines IRA-Bombenlegers

Ulrike Wittenborn : Erinnerungen eines IRA-Bombenlegers

Die Leiterin der englischsprachigen Schauspielgruppe der Universität Duisburg-Essen hat zum ersten Mal ein Buch übersetzt. Und zwar die Autobiografie des ehemaligen IRA-Terroristen Shane O'Doherty, der aktive Reue gezeigt hat.

Ulrike Wittenborn, im Hauptberuf Englisch- und Französisch-Lehrerin und nebenamtlich seit vielen Jahren Regisseurin von DUET, Duisburg University English Theatre, der englischsprachigen Schauspielgruppe, die vor 32 Jahren an der Universität in Duisburg gegründet wurde, hat ein englischsprachiges Buch übersetzt. Ein Außerordentliches: Die Erinnerungen eines ehemaligen IRA-Terroristen. Mit Ulrike Wittenborn sprach Redakteur Peter Klucken.

Haben Sie schon mehrere englisch-sprachige Bücher übersetzt?

Wittenborn Nein, das ist mein erstes. Es wird wohl auch meine letzte Buchübersetzung sein.

Wie kam es zur Übersetzung?

wittenborn Als Shane O' Doherty (Jahrgang 1955) 1993 aus dem Gefängnis entlassen wurde, habe ich eine BBC-Dokumentation über ihn gesehen. Die zeichnete die Geschichte seines Falles nach. Shane, nach wie vor ein tief gläubiger Katholik, ist schon als Kind in die Fänge der IRA geraten. Er wurde schließlich zum Bombenleger. Er schickte sogar eine Briefbombe an die Adresse Downing Street Nr. 10, dem Regierungssitz. Schließlich wurde er zu 30-mal lebenslänglich verurteilt. Wurde aber nach 14 Jahren aus der Haft entlassen.

Weshalb wurde er vorzeitig entlassen?

Wittenborn Im Gefängnis hat er schonungslos mit sich selbst abgerechnet und erkannt, dass seine angeblich patriotisch motivierten Taten schwere Menschenrechtsverletzungen waren. Durch seine Bomben wurden zwar keine Menschen getötet, aber doch schwer verletzt, einige mit bleibenden Schäden. O' Doherty versuchte dann, aus der Haft heraus, mit seinen früheren Opfern in Briefkontakt zu kommen. Dazu musste er viele bürokratische Hürden überwinden. Ihm gelang es, selbst die größten Skeptiker von seinem Sinneswandel zu überzeugen. Damit erwirkte er letztendlich seine vorzeitige Haftentlassung. Wieder in Freiheit bewarb er sich um die Aufnahme in einem Priesterseminar, um sich seelsorgerisch um Strafgefangene kümmern zu können. Aus verschiedenen Gründen hat er die Ausbildung im Priesterseminar nach zwei Jahren abgebrochen. Heute arbeitet er als Computerfachmann und kümmert sich ehrenamtlich um Obdachlose. Vor einem Jahr hat er übrigens geheiratet.

Shane O' Doherty veröffentlichte seine Autobiografie unter dem Titel "The Volunteer – A Former IRA Man's True Story" . Das Buch wurde in England, Irland und den USA ein Bestseller. Nochmals die Frage: Wie wurden Sie jetzt Übersetzerin dieses Buchs?

Wittenborn Ich kannte das Buch, habe es einer Schülerin für eine Facharbeit empfohlen, stieß in diesem Zusammenhang selber auf die Homepage von Shane und wollte ihn mal persönlich kennenlernen. Ich musste ohnehin nach Dublin zur Theaterfortbildung. Und in Dublin haben wir uns verabredet.

Welchen Eindruck machte O' Doherty auf Sie?

Wittenborn Geläutert und ernüchtert. Es gab viel Gesprächsstoff. Er fragte mich nach den deutschen RAF-Terroristen, weil er bei denen eine ähnliche Verblendung vermutete, wie einst bei sich selber.

Wer kam auf die Idee, dass Sie sein Buch ins Deutsche übersetzen sollen?

wittenborn O' Doherty selber. Es war gerade eine Neuauflage mit neuem Einband erschienen und eine spanische Übersetzung war gerade in Druck gegangen. Da hat er mich gefragt, ob ich sein Buch übersetzen möchte.

Weshalb haben Sie "Ja" gesagt?

Wittenborn Zum einen, weil ich von O' Dohertys Aufrichtigkeit überzeugt bin. Außerdem glaubte ich, dass sein Buch auch für deutschsprachige Leser interessant ist. Und da habe zugestimmt, wohl wissend, dass ich mich intensiv weiterbilden musste. Schließlich hatte ich vorher noch nie professionell übersetzt. Und erst recht nichts, was mit Waffen, Bomben oder Sprengstoff zusammenhängt.

Wer sollte das Buch lesen?

wittenborn Das können viele Interessierte aus verschiedenen Gründen sein. Ich kenne kein anderes Buch, dass die Hintergründe des Nordirland-Konflikts so authentisch, eben aus der Sicht eines Beteiligten, schildert, wie es O' Doherty tut. Hinzu kommt noch, dass O' Doherty durch seine persönliche Kehrtwendung einen Weg zeigt, wie man aus diesem Gewaltkreislauf herauskommen kann. Immerhin haben die meisten von O' Dohertys Opfern seine Entschuldigung angenommen. Das hat doch etwas Tröstliches.

(RP)
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