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Duisburg: Eine Zeitreise durch das jüdische Leben

Duisburg : Eine Zeitreise durch das jüdische Leben

Zum dritten Mal wurde in Duisburg zur "Nacht der offenen Gotteshäuser" eingeladen. Geboten wurden Konzerte, Kunstaktionen, besondere Gottesdienste, Führungen und Vorträge.

Mehr als 50 Duisburger und Moerser Kirchen, Moscheen sowie die Synagoge am Innenhafen luden zwischen 20 und 24 Uhr in dieser "besonderen Nacht" dazu ein, "Vertrautes zu erfahren, Neues kennen zu lernen und Gemeinsamkeiten zu entdecken". Das Programm, mit dem sich etliche Gemeinden auch an den diesjährigen Duisburger "Heimat"-Akzenten beteiligten, war vielfältig.

In der Synagoge des Jüdischen Gemeindezentrums am Springwall bot der Duisburger Historiker und Privatdozent Dr. Ludger Heid unter der Überschrift "5775 Jahre in 90 Minuten" einen interessanten Vortrag. Michael Rubinstein, der Geschäftsführer der Jüdischen Gemeinde Duisburg-Mülheim-Oberhausen freute sich ebenso wie der Referent über die zahlreichen Besucher, die die "Zeitreise durch das jüdische Leben" in das jüdische Gemeindezentrum am Innenhafen gelockt hatte.

Das 1999 neu eröffnete Haus wurde übrigens nur rund 200 Meter von der alten Synagoge wieder errichtet, die 1938 bei den Novemberpogrome von den Nazis niedergebrannt wurde. Ludger Heid ging in seinem "Crash-Kurs" über das Judentum nicht chronologisch vor, sondern stellte, oftmals witzig und locker formuliert, die wesentlichen Merkmale seiner Religion vor. Zu der lebhaften Veranstaltung trug auch das diskussionsfreudige Publikum bei, das sich immer wieder zwischenschaltete und viele Fragen zu dem gerade Gehörten hatte.

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Den traditionellen Gruß "Schabbat schalom" konnte der Ludger Heid nicht mehr an die Gäste richten, da der religiöse Ruhetag, der am Freitagabend mit dem Einbruch der Dunkelheit beginnt und am Samstag mit dem Erscheinen des ersten Sterns am Himmel endet, bereits vorbei war. Der Judentum-Experte ging auch direkt auf den Tag, der in der biblischen Schöpfungsgeschichte als "Ruhetag Gottes" nachgewiesen wird, ein. "Orthodoxe Juden nehmen diesen ,Heiligen TagQ immer noch sehr ernst", erklärte Heid. Streng genommen darf an diesem Tag auch nicht gekocht werden. Aus diesem Grund ist sich Ludger Heid sicher, dass "die Zeitschaltuhr eine jüdische Erfindung" ist, wie er schmunzelnd ergänzte.

"Jude zu sein ist nicht einfach", merkte der 69-Jährige an, denn es seien immerhin 613 Ge- und Verbote zu beachten. Dazu gehören auch die in der Tora festgelegten Jüdischen Speisegesetze. Dort ist genau festgelegt, welche Speisen "koscher" (geeignet) für den Verzehr seien und welche Speisen auf keinen Fall miteinander kombiniert werden dürfen. Heid lächelnd: "Alles was gut schmeckt, ist nicht koscher."

"Bis 1990 gab es nur noch 30 000 jüdische Gemeindemitglieder in Deutschland", erklärte Ludger Heid. Erst nach dem Abkommen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Sowjetunion, das die Übersiedlung von rund 200 000 russischen Juden regelte, nahm das Gemeindeleben auch in Duisburg wieder Fahrt auf. "Wir müssen da immer noch viel Integrationsarbeit leisten", erwähnte auch Michael Rubinstein, der froh ist, dass der Kreis der Gemeindemitglieder mittlerweile auf 2 700 Gläubige angewachsen ist.

Der Geschäftsführer der Duisburger Gemeinde ging in seiner abschließenden Betrachtung "Jüdisches Leben in Deutschland heute" auch auf die verschiedenen Strömungen im Judentum ein. So gibt es orthodoxe, konservative, liberale und reformerisch orientierte Richtungen, die die breite Palette des Judentums repräsentierten. Ludger Heid sprach, leicht ironisch, die Gruppe der "U-Boot-Juden" an, die sich nur zu hohen Feiertagen in der Synagoge blicken ließen. Ein Problem, das auch den christlichen Kirchen nicht fremd ist.

(pol)