Serie 25 Jahre Krupp-Arbeitskampf Eine Stadtrundfahrt durch die Vergangenheit

Duisburg · Es klingelt. Leonore Loewnich öffnet. Ehemann Helmut zieht bereits die Jacke an und setzt noch schnell seine schwarze Kappe mit den drei großen Buchstaben AGU (Arbeiterschutz, Gesundheitsschutz, Umweltschutz) auf. Er ist noch immer ganz Kruppianer und Betriebsratsmitglied. Los geht die Stadtrundfahrt durch Rheinhausen. Damit beginnt eine Reise in die Vergangenheit. Seine Vergangenheit.

 Kompetenter "Reiseführer": Helmut Loewnich (hier an Tor 1) arbeitete fast vier Jahrzehnte für den Stahlriesen.

Kompetenter "Reiseführer": Helmut Loewnich (hier an Tor 1) arbeitete fast vier Jahrzehnte für den Stahlriesen.

Foto: Andreas probst

Schon im Auto plaudert das sympathische Unikat über seine Zeit beim Stahlriesen. 35 Jahre (er bekam aufgrund der Arbeitslosenzeit 40 Jahre angerechnet) war er bei Krupp, zwölf Jahre zählte er zum Betriebsrat. Mit 55 musste er den Stahlriesen verlassen, knapp zwei Wochen nach seinem Geburtstag. "Das war der 31. Oktober 1987", erinnert sich Loewnich. Solche Daten haben sich in seinem Kopf eingebrannt, er muss nicht nachdenken.

 Blick auf das Naturbecken des Kruppsees.

Blick auf das Naturbecken des Kruppsees.

Foto: Marcel Kleifeld

Die erste und prestigeträchtigste Station: Tor 1. Oder eher das, was davon noch übrig geblieben ist. Loewnich steht am Straßenrand. Die Miene wird traurig. "Das tut weh, wie es hier aussieht", hat der 80-Jährige mit dem Anblick zu kämpfen. Am Wellblechzaun hängen die Überreste eines fast vollständig abgerissenen Trödelmarkt-Plakates. Zudem ein Schild mit der Aufschrift "Betreten der Baustelle verboten". Von dem Pförtnerhaus ist keine Spur mehr. Loewnich: "Der Abriss ist sehr bedauerlich. Das kann ich nicht verstehen."

 Alte Lokomotivräder erinnern am Berthaplatz an alte Zeiten.

Alte Lokomotivräder erinnern am Berthaplatz an alte Zeiten.

Foto: Marcel Kleifeld

Die Bilder aus der Vergangenheit sind präsent, die Nostalgie spürbar. Loewnich zeigt auf die Verkehrsinsel. "Da haben wir mit unseren Bannern während des Arbeitskampfes gestanden. Es war saumäßig kalt." Immer wieder sagt er, wie hart die Zeit des Krupp-Endes gewesen sei.

 Ein Großteil der Bliersheimer Villen befindet sich in keinem guten Zustand.

Ein Großteil der Bliersheimer Villen befindet sich in keinem guten Zustand.

Foto: Marcel Kleifeld

Der Blick wandert zum Ostbahnhof. "Da sind die ,Hippeländer' angekommen. Die haben auch mal vergessen, auf dem Rückweg auszusteigen, wenn sie in der ,Ritzendiele' zu viel getrunken haben." Der Finger zeigt auf die frühere Lehrwerkstadt, dann auf die Menage, nur "Bullenkloster" genannt. Loewnich beschreibt seine damaligen Tätigkeiten. Er verleiht seinen Worten mit einem Klaps auf den Arm seines Gesprächspartners Nachdruck.

 Der "Reichsadler" war früher ein beliebter Treffpunkt für die Kruppianer.

Der "Reichsadler" war früher ein beliebter Treffpunkt für die Kruppianer.

Foto: Marcel Kleifeld

Station Nummer zwei ist besagte "Ritzendiele", die Gaststätte "Zum Reichsadler". Vor dem Eingang bleibt der sechsfache Vater, 14-fache Großvater und zwölffache Urgroßvater stehen. "Das ist die Tür vor dem Beichtstuhl", sagt er. Beichtstuhl? "Da war man abgeschottet und konnte einen mehr trinken." Er lacht. Die damalige Wirtin hieß nur "Mimmi". Loewnich zückt an den nostalgischen Orten seine Kamera und knipst. Als wäre er zum ersten Mal hier.

 Das "Casino Bliersheim" bietet auch heute noch gute Küche.

Das "Casino Bliersheim" bietet auch heute noch gute Küche.

Foto: Marcel Kleifeld

Zurück ins Auto. Während der Fahrt über die Margarethenstraße, vorbei am Krupp-Platz, durch die Krupp-Siedlungen geht das angeregte Gespräch weiter. Als feststand, dass das Werk in Rheinhausen stillgelegt wird, stand Loewnich vor dem Betriebsrat neben dem späteren Bundespräsidenten Johannes Rau. "Vater Johannes", nennt er ihn noch immer. Am Berthaplatz angekommen erinnert außer dem Straßenschild und zwei alten Lokomotivrädern nicht mehr viel an damals.

 Das Straßenschild weist auf den Berthaplatz hin.

Das Straßenschild weist auf den Berthaplatz hin.

Foto: Marcel Kleifeld

Weiter zum Villenviertel. Kurze Rast an der früheren Hauptverwaltung und am Bliersheimer Casino. Weiter durch Tor 2, nur noch imaginär zu sehen. "Die Stelle kenne ich, weil ich mich an diesen Baum erinnere", erklärt der Vorsitzende der Krupp-Pensionäre. Im Villenviertel dann ein trauriges Bild. Traumhafte Gebäude völlig verwahrlost, nur wenige besser in Schuss.

 Statue von Friedrich-Alfred Krupp auf dem Krupp-Platz.

Statue von Friedrich-Alfred Krupp auf dem Krupp-Platz.

Foto: Kleifeld

Die Schlussphase der Stadtrundfahrt: Weitere Krupp-Bezirke. "Zu Ihrer linken Hand sehen Sie das Naturbecken", macht der begeisterte Schnitzer auch am Kruppsee eine gute Figur als "Reiseführer". Ein paar Fotos. Dann ist es genug.

Nach knapp zwei Stunden steht der Kruppianer wieder vor seiner Wohnungstür. Mit (schmerzlichen) Erinnerungen im Gepäck. Und vielen Fotos aus der Gegenwart.

(RP/ac)
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