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Duisburg: Ein Zahnarzt für alle Fälle

Duisburg : Ein Zahnarzt für alle Fälle

Beim 70-jährigen Horst wackelt das Gebiss, eine 35-Jährige hat Angst vorm Zahnarzt und eine Türkin versteht kein Wort. Einmal im Jahr führt Dr. Bremenkamp bei der Duisburger Tafel eine ungewöhnliche Sprechstunde durch.

Das schrille Surren des Zahnarztbohrers, das kalte Metall der Zange und die spitze Pinzette, bei deren Anblick es manch einem eiskalt den Rücken herunterläuft, der scharfe Geruch nach Desinfektionsspray – an all das denkt die 35-jährige Nicole, wenn sie an den Zahnarzt denkt. Auch jetzt sitzt sie mit leicht zitternden Händen einem Zahnarzt gegenüber. Ihr Blick verrät, dass sie am liebsten aus dem Raum rennen würde.

Doch die Hochfelderin sitzt nicht etwa in einem Behandlungsstuhl in einer Zahnarztpraxis, sondern in einem bequemen Bürostuhl in einem Zimmer der Duisburger Tafel an der Brückenstraße. Auf dem Schreibtisch liegen Zahnarztbesteck, neben dem Computer eine Packung steriler Handschuhe, auf einem Beistelltisch Zahnpastaproben.

Hier in diesem Zimmer untersucht Dr. Stefan Bremenkamp einen Nachmittag lang kostenlos all diejenigen, die nicht krankenversichert sind oder sich teure Behandlungskosten nicht leisten können. "Keine Sorge", beruhigt er seine erste Patientin, "hier wird heute nicht gebohrt und kein Zahn gezogen, wir schauen uns das ganze jetzt erst einmal an."

Sechs Löcher

Wie bereits im vergangenen Jahr, als die Aktion zum ersten Mal stattfand, werden auch am heutigen Tage viele Patienten von Schmerzen in die außergewöhnliche Sprechstunde getrieben. "Ich nehme seit einigen Tagen starke Schmerzmittel und kann mit meinen Backenzähnen kaum noch kauen", erklärt Nicole Bremenkamp.

Vor acht Monaten war sie zum letzten Mal beim Zahnarzt. "Der musste die Behandlung abbrechen, weil ich in Panik geriet und mir schwindelig wurde", sagt sie. Der Zustand ihrer Zähne zeugt von dieser Angst. Viele fehlen bereits, die restlichen sind kaum zu gebrauchen. Bremenkamp schüttelt mit dem Kopf: "Zwei Zähne müssen gezogen werden – da gibt es keine Alternative. Außerdem haben sie sechs Löcher, die stark behandlungsbedürftig sind."

Die junge Frau ist trotz der schlechten Prognose alles andere als erschüttert. Im Gegenteil: Sie fühlt sich bei Bremenkamp in guten Händen. "Mein letzter Zahnarzt war ein Hektiker, der mich nur nervös gemacht hat. Bei Bremenkamp ist das nicht so. Ich werde mir überlegen, ob ich mich trotz meiner Angst in seiner Praxis behandeln lasse." Spätestens jetzt wird klar: Stefan Bremenkamp ist hier nicht nur Zahnarzt, sondern auch Seelentröster.

Seit acht Jahren wackelt das Gebiss

Kaum hat der Zahnarzt seine erste Patientin verabschiedet, steht schon der nächste in der Tür: Beim 70-jährigen Horst wackelt das Gebiss – und das schon seit acht Jahren! "Immer, wenn ich etwas kauen will, verrutscht mir die untere Prothese", moniert er. Ein Problem, das sich leicht lösen lässt. "Sie gehen einfach zu ihrem Hauszahnarzt und lassen das Gebissstück unterfüttern, dann sitzt es auch wieder", rät Dr. Bremenkamp. Einen Hauszahnarzt – so etwas hat der Rentner nicht, doch er wohnt direkt einem Zahnarzt gegenüber, den könnte er ja mal aufsuchen, überlegt er. "Das ist typisch für viele dieser Menschen, die hierher kommen. Sie gehen meist nur alle paar Jahre in eine Praxis", so der Arzt aus Walsum.

Als nächstes betritt eine Türkin das kleine Zimmer. Auf seine Frage, was sie zu ihm treibt, bekommt der Arzt keine Antwort. Ob sie eine Versicherungskarte habe? Keine Antwort. Schnell ist klar, was das Problem ist: Die Frau spricht kein Wort deutsch! Doch darauf ist der Leiter der Duisburger Tafel, Günter Spikofski, vorbereitet und schickt Cilem Akdag in den "Behandlungsraum".

Die ehrenamtliche Mitarbeiterin der Tafel übersetzt für den Arzt: "Sie haben einen losen Backenzahn, der raus muss." Die Patientin ist erleichtert, denn Bremenkamp versichert: "Das habe ich in zwei Minuten erledigt, wenn Sie zu mir in die Praxis kommen."

Nach zweieinhalb Stunden haben Bremenkamp und seine beiden Arzthelferinnen alle 21 Patienten untersucht. Für die drei heißt es jetzt Feierabend nach einem wirklich abwechslungsreichen Nachmittag.

(RP)