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Duisburg: Ein Leben im Elend

Duisburg : Ein Leben im Elend

In Duisburg leben schätzungsweise 4000 EU-Bürger aus Rumänien und Bulgarien fast wie im "Untergrund". Sie sind nicht versichert, haben keine geregelte Arbeit, und die Kinder gehen nicht zur Schule.

Die zwei bulgarischen Mädchen, neun und zwölf Jahre alt, die die Polizei wie berichtet in dieser Woche beim Einbruch ertappte, gehören zu einer großen Gemeinschaft von Rumänen und Bulgaren, die in Duisburg weitgehend anonym lebt.

Schätzungsweise 4000 Menschen aus diesen beiden südosteuropäischen Ländern wohnen irgendwo im Stadtgebiet, vor allem in Marxloh und Hochfeld. Es ist bekannt, dass sie hier sind. Doch an detaillierten Informationen mangelt es.

Unter Leitung von Schuldezernent Karl Janssen befassen sich inzwischen Fachämter, Behörden und freie Wohlfahrtsverbände in einer Lenkungsrunde mit drei Arbeitsgruppen (mit thematisch unterschiedlich ausgerichteten Schwerpunkten) mit der Problematik dieser Menschen. "Sie haben einen Anspruch hier zu leben. Und wir wollen und werden ihnen zur Seite stehen", so Janssen.

Zusammengepfercht

EU-Bürger dürfen sich drei Monate lang unangemeldet hier aufhalten. Die meisten der 4000 leben schon länger hier. Ihre Wohnadressen sind in der Regel nicht bekannt, wohl aber ihre Lebensumstände. "Wir wissen von Fällen, in denen große Familien in einem kleinen Raum zusammengepfercht sind", so Janssen.

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Vermieter seien auffallend oft türkische Immobilienbesitzer. "Was mit diesen Leuten passiert, das erinnert stark an den früheren Umgang mancher Deutschen mit türkischen Gastarbeitern. Sie lassen die Rumänen und Bulgaren mit 15 Menschen in einem kleinen Raum schlafen und nehmen dafür auch noch Miete", empört sich ein Mitarbeiter aus dem Umfeld von Janssen. Dass die Stadt bislang nicht eingegriffen hat, ist vor allem der Tatsache geschuldet, dass diese Menschen fast wie "untergetaucht" im Stadtgebiet leben und ihre Probleme erst in jüngster Zeit an die Öffentlichkeit drangen.

Zum Beispiel die der Kinder: Sie sprechen wie ihre Eltern selten deutsch, sie kennen kyrillische Buchstaben, aber nicht unsere. Wenige von ihnen haben bis heute eine Schule von innen gesehen. Sie sind zwar oft hungrig auf Bildung. "Aber wir haben von einer Schule bereits gehört, dass die türkischen Eltern mit der Abmeldung ihrer Kinder drohen, wenn Bulgaren und Rumänen kommen", heißt es aus dem Lenkungskreis. Die Jungen und Mädchen aus der Gruppe der rund 4000 sollen aber auf jeden Fall beschult werden.

Inzwischen steht fest, dass sie Schoko-Tickets bekommen können, um mit Bus oder Bahn zu Schulen in anderen Stadtteilen zu fahren. So vergleichsweise einfach lassen sich andere Probleme nicht aus der Welt schaffen. "Die medizinische Versorgung der Kinder muss gesichert sein", so Janssen.

Ein rumänisches Kind mit gebrochenem Arm sei in einem Krankenhaus abgewiesen worden, weil die Bezahlung nicht geklärt war, wurde Janssen berichtet. Inzwischen entzieht das Jugendamt im Krankheitsfall den Eltern das Kind für einen Tag, lässt es behandeln und gibt es dann wieder zu Mutter und Vater zurück. Auf diese Weise darf die Stadt die Kosten übernehmen.

In den Arbeitsgruppen wird nun nach Lösungen gesucht, wie Kinder und Eltern krankenversichert werden können, aber auch, wie man ein anderes Problem in den Griff bekommen kann. Etliche der Rumäninnen und Bulgarinnen gingen in Hinterhof-Teestuben der Prostitution für ganz kleines Geld nach.

Einen Riegel vorschieben

Auch Kinder seien dort schon zum Sex angeboten worden. "Das ekelt mich an. Wir haben alle Interesse daran, dem so schnell wie es geht einen Riegel vorzuschieben", sagt Janssen. Voraussetzung sei allerdings, Zugang zu dieser "Szene" zu bekommen, um zu wissen, wo derartig verachtenswerte "Geschäfte" gemacht werden. Bekannt ist, dass an verschiedenen Stellen im Stadtgebiet morgens sehr früh die Männer aus diesen bulgarischen und rumänischen Familien von Schleppern abgeholt und zur Arbeit gefahren werden.

Für zwei oder drei Euro Stundenlohn würden sie dann beispielsweise auf Baustellen eingesetzt. Was sie verdienen, reiche am Ende oft nur für die Miete der Kleinstwohnung, so Karl Janssen. Mit Hilfe von Arbeitsagentur, Jobcenter, Polizei und Zoll hofft er, hier eine Lösung zu finden.

(RP)