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Rp-Serie Duisburger Geschichte Und Geschichten: Ein Humanist zwischen allen Stühlen

Rp-Serie Duisburger Geschichte Und Geschichten : Ein Humanist zwischen allen Stühlen

Georg Cassander, geboren 1513 in Brügge, gehörte zu den großen Gelehrten zurzeit der Reformation, lebte in Köln und hatte seit 1558 zeitweise seinen zweiten Wohnsitz in Duisburg auf der Poetgasse.

Christen gegen Muslime, Schiiten gegen Sunniten, Buddhisten gegen Muslime: Statt Frieden zu stiften, scheinen Religionen oft tief zu spalten. Vor 500 Jahren formulierte der Humanist und Theologe Georg Cassander ein Modell des Miteinanders. Aber die Glaubensspaltung konnte er nicht stoppen. Wer war dieser Mann, dessen Name kaum ein Duisburger kennt ?

Georg Cassander, geboren 1513 in Brügge, gehörte zu den großen Gelehrten zurzeit der Reformation, lebte in Köln und hatte seit 1558 zeitweise seinen zweiten Wohnsitz in Duisburg auf der Poetgasse. Er versuchte, die Gegensätze zwischen Katholiken und Protestanten zu überbrücken - ein Mann des Dialogs und des Ausgleichs. Als Berater des Herzogs von Jülich-Berg bemühte sich Cassander um eine "Via media" (Dritter Weg zwischen Katholizismus und Protestantismus) im Sinne des großen Humanisten Erasmus von Rotterdam. Obwohl er die Reformbedürftigkeit der Kirche in ihrem vollen Umfang anerkannte, trat er nicht aus der katholischen Kirche aus. Aber auf seinen Reisen mit seinem Mäzen Cornelius Wouters suchte er den intellektuellen Dialog mit so illustren Persönlichkeiten wie Martin Bucer, Johannes a Lasco (1499-1560), Heinrich Bullinger (1504-1575) und Philipp Melanchthon (1497-1560) - allesamt Lutheraner oder sogar Reformierte. In seinen zahlreichen Schriften versuchte Cassander, die Gegensätze zwischen Katholiken und Protestanten zu überbrücken - alte Fehler sollten beseitigt und nicht als Grund zur Trennung aufgegriffen werden. Cassander stritt für eine humanistische, vernunftgeleitete Bildung.

Um die Errichtung der Lateinschule in Duisburg machte er sich verdient. Er pflegte den Gedankenaustausch mit den Duisburger Humanisten und Gymnasiallehrern, wie Gerhard Mercator, Johann Otho, Cornelius Wouters und Johannes Molanus. Jener Molanus, der Rektor des Vorläufers des Landfermann-Gymnasiums wurde. Vernunft und Religion gingen bei Cassander zusammen, nicht auseinander. Gerade damit ist Cassander für unsere Zeit ein bedeutender und aufschlussreicher Denker, denn gerade die brisanten Spannungen zwischen säkularen und religiösen Tendenzen der Gesellschaft sind es, die heute für politische, soziale und geistige Konflikte sorgen. Cassander plädierte für ein Denken im Modus des Sowohl-als-auch. Das fand bei den Duisburgern in Form des "gemischten Gottesdienstes" durchaus Anklang. Sie hatten zwar das Singen deutscher Kirchenlieder und die "klare Predigt des Evangeliums" in ihren beiden Kirchen eingeführt, doch ließen sie die Messe bestehen und hielten auch die alten kirchlichen Zeremonien bei. Religiöse Vielfalt eben. Im Gegensatz zu den meisten anderen deutschen Territorien konnte in Duisburg der konfessionelle Friede lange Zeit gewahrt werden. Gelungenes gesellschaftliches Miteinander war für Cassander daran zu erkennen, das eine nicht gegen das andere auszuspielen, sondern unterschiedliche Positionen und Interessen ernst zu nehmen. In einem Gutachten trat er für die Vereinigung von Katholiken und Protestanten und die Priesterehe ein. Die Verweigerung zur Parteinahme war ein zentrales Motiv seines Denkens. Fehlende Balance hielt er für gefährlich. Durchgesetzt hat er sich mit dieser gemäßigten, klugen Politikempfehlung des Ausgleichens allerdings nicht. Schule gemacht hat vielmehr das radikale Denken der Ideologen auf beiden Seiten. Seien es Jesuiten oder Reformierte oder machthungrige Fürsten. Cassander war dagegen ein "Mann in der Mitte". Glaube und Vernunft versuchte er zu verbinden. Für Fundamentalisten galt dagegen die entfesselte Unvernunft der alternativen Fakten. Da wundert es nicht, dass Cassanders Hauptwerke, die er in den letzten Lebensjahren veröffentlichte, von beiden Religionslagern heftig kritisiert und ideologisch abgelehnt wurden. Statt einer Annäherung der Konfessionsparteien wurden die Gräben stetig tiefer. Seine Vorschläge wurden immer weniger gehört. Die Tragödie nahm ihren Lauf. Das Tor für einen offenen Machtkampf, der sich als Glaubenskonflikt tarnte, wurde mit dem Truchsessischen Krieg mit all seinen verheerenden Folgen aufgestoßen.

Der Dreißigjährige Krieg brachte weiteres unsägliches Leid und Elend. Das musste Cassander allerdings nicht mehr erleben. Er starb von schwerer Gicht geplagt am 3. Februar 1566. Das liegt nur scheinbar weit zurück. Denn ideologische Wahrheitskämpfer auf säkularer wie auf religiöser Seite, die Cassander ins Abseits drängten, sind kein Relikt des Spätmittelalters. Fundamentalismus und Spaltung der Gesellschaft sind niemals und nirgendwo ganz verschwunden. Sie findet sich heute in manch einer der Politikerreden und Hasspredigten von Terroristen. Die brutale Vergangenheit und entfesselte Unvernunft sind uns näher als wir denken.

Zum Weiterlesen: "http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/persoenlichkeiten/C/Seiten/GeorgCassander.aspx"

(RP)