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Duisburg: Ein Heringer geht niemals so ganz. . .

Duisburg : Ein Heringer geht niemals so ganz. . .

Der stellvertretende Vorsitzende der Kindernothilfe, Rolf-Robert Heringer, der bereits seit Dezember offiziell "in Rente ist", freut sich darauf, als Ruheständler sich nun den Büchern widmen zu können, die darauf warten, endlich gelesen zu werden. Da werden nach der Abschiedsparty, die gestern im Gemeindesaal der Buchholzer Jesus-Christus-Kirche stattfand, wohl noch einige dazu kommen.

Knapp 200 Gäste, darunter langjährige Mitarbeiter, Freunde, Wegbegleiter und Familienangehörige hatten sich eingefunden, um die mittlerweile 41-jährige Tätigkeit des "Urgesteins der Kindernothilfe" zu würdigen. Besonders erfreut war Rolf Heringer, dass mit Lüder Lüers sogar einer der Mitbegründer des Hilfswerks aus den 50er Jahren den Weg nach Buchholz gefunden hatte. Pressesprecherin Angelika Böhling kann sich, wie viele Mitstreiter, die Kindernothilfe ohne Heringer eigentlich gar nicht vorstellen: "Er ist unser lebendiges Gedächtnis, einfach die Seele der Kindernothilfe."

Dabei ist es nur einem kleinen Trick des damaligen Buchholzer Pfarrers Ernst Schmidt zu verdanken, dass der frühere Klöckner-Angestellte bei der Kindernothilfe landete. Um Vermittlung in Sachen beruflicher Veränderung gebeten, gab der Buchholzer Pfarrer ihm nicht ganz wahrheitsgemäß zu verstehen, dass das ins Auge gefasste Unternehmen keinen Bedarf habe. Der bestünde aber bei der Kindernothilfe, die dringend jemand zur Entlastung des Geschäftsführers suche. Die Entscheidung, seinen beruflichen Weg dort fortzusetzen, hat der in Buchholz wohnhafte Heringer nie bereut. "Das war vielleicht eine göttliche Fügung", sagt er. Ab 1972 lernte er zuerst als Sachbearbeiter das Geschäft von der Pike auf. 1989 wurde er in den Vorstand des Kinderhilfswerks berufen, seit 1995 war er als stellvertretender Vorstandsvorsitzender in der Verantwortung. Tief beeindruckt zeigte sich Rolf Heringer von seiner ersten Reise, die ihn 1978 nach Indien führte. "Ich habe dort zum ersten Mal eine total andere Kultur erlebt", blickt der Ruheständler zurück. Nach seiner Rückkehr habe er den Lärm der indischen Großstädte geradezu vermisst. Direkte Besuche bei den Projektpartnern vor Ort waren für ihn immer unabdingbar. Gespräche mit den Kindern und Jugendlichen zeigten am ehesten, welche Hilfe wirklich benötigt wurde.

Prinzip seiner Organisation ist bis heute, ausschließlich Projekte der Partner vor Ort zu unterstützen. "Wir haben keine eigenen Projekte", sagt er. Dabei steht die Hilfe zur Selbsthilfe im Vordergrund. Mittlerweile unterstützt die Kindernothilfe 1,5 Millionen Kinder in 29 Ländern der Erde; dabei werden 950 Einzelprojekte gefördert. Immer wieder waren es die persönlichen Begegnungen auf den Reisen, die Rolf Heringer tief bewegten. Da war der kleine Junge in Kenia, der ihm nicht von der Seite wich und anlässlich eines (katholischen) Gottesdienstes feststellte, dass der (evangelische) weiße Mann sich gar nicht auf die ihm vertraute Weise bekreuzigte. Heringer konnte aber schnell die Irritationen des Jungen ausräumen, indem er ihm verständlich machte, dass er sehr wohl ein Christ sei, allerdings ein evangelischer.

Besonders bedrückend waren die Eindrücke aus den brasilianischen Elendsvierteln, wo Eltern ihre Töchter aus reiner materieller Not in die Prostitution schicken und bei Kindesmissbrauch die Täter oft gegen ein geringes Schmiergeld bereits auf dem Weg zur Polizei wieder freigelassen werden.

Derzeit hilft Heringer stundenweise beim Jahresabschluss mit, wird ab August seinen Nachfolger einarbeiten. Zudem ist er im Stiftungsrat der Schweizer Kindernothilfe tätig. "Ich bin ja nicht aus der Welt, stehe bei Bedarf zur Verfügung", lässt er durchblicken. Die Bücher in seinen Regalen müssen wohl noch warten.

(pol)