1. NRW
  2. Städte
  3. Duisburg

Duisburger Notärztin Doc Caro im Interview: "Wir brauchen die Impfpflicht!"

Notärztin Doc Caro : „Mit Reden allein kommen wir nicht mehr weiter“

Was er in seinem Leben gern anders gemacht hätte, fragte die Ärztin und Bloggerin „Doc Caro“ zuletzt einen sterbenden Patienten. Er sagte: sich doch noch impfen zu lassen. Wie erlebt die 39-Jährige die Pandemie? Ein Gespräch über Wut, Weihnachten und die Fehler der Politik.

Viel Zeit hat sie nicht. „Doc Caro“ kann nur eine kurze Mittagspause einlegen, gerade ist auch ein Team eines großen deutschen Fernsehsenders im Helios Klinikum St. Anna in Duisburg. Nächstes Jahr soll im TV eine Dokumentation über die Arbeit der 39-Jährigen ausgestrahlt werden. Sie grüßt mit der Faust, dann führt sie durch einen langen Gang an der Notaufnahme des Krankenhauses vorbei zu einem kleinen Besprechungszimmer. „Endlich mal die Maske ab“, sagt sie.

Frau Holzner, vor fast genau einem Jahr haben Sie sich in einem Ihrer Videos ein Ende der Corona-Krise für 2021 gewünscht. Bekanntlich hat das leider nicht geklappt. Jetzt diskutiert das Land kurz vor Weihnachten wieder über Kontaktbeschränkungen.

Carola Holzner Ich spreche sicherlich für uns alle, wenn ich sage: Es war letztes Jahr unser Weihnachtswunsch, dass es sich mit Corona endlich bessert. Und es hat sich ja auch was geändert. Wir haben jetzt mehrere Impfstoffe, wir können uns boostern und testen und viel besser schützen als noch im vergangenen Jahr. Zumindest mit dem engsten Familienkreis können wir deshalb auch Weihnachten feiern.

  • Dem Abstimmungs-Antrag von FDP-Vize Wolfgang Kubicki
    Mindestens drei Abstimmungsanträge erwartet : Votum des Ethikrats zur Impfpflicht schafft im Bundestag kaum Klarheit
  • Der Kreis Viersen registrierte am Mittwoch
    Corona im Kreis Viersen : Omikron-Variante in weiteren Fällen nachgewiesen
  • Eine Frau erhält im Mehrzweckzentrum von
    Corona in Südafrika : Studie belegt milde Krankheitsverläufe mit der Omikron-Variante

Wie besorgt sind Sie wegen Omikron? Es ist die wohl gefährlichste Mutation bislang.

Holzner Wie schnell sich die Omikron-Variante bei uns ausbreiten wird und was uns nun erwartet, kann ich nicht sagen. Da bleibt mir und vielen anderen nur der Blick auf die Daten aus England. Omikron ist dort in kürzester Zeit zur dominierenden Variante geworden, in London sind hunderte Mitarbeiter im Gesundheitssystem krankheitsbedingt ausgefallen. Leider bin ich nicht allzu guter Dinge, dass es in Deutschland anders laufen wird. Vor dieser Variante habe ich echt Respekt.

Omikron ist laut WHO neben Alpha, Beta, Delta und Gamma die fünfte sogenannte besorgniserregende Variante. Geht das jetzt immer so weiter?

Holzner Na, zumindest hat Professor Drosten in Aussicht gestellt, dass es noch zwei bis drei Jahre dauern könnte, bis Corona zu einem normalen Erkältungsvirus wird. Als ich das gelesen habe, musste ich erst mal schlucken. Ich bin wie alle anderen auch genervt von der Pandemie. Wir hoffen im Krankenhaus alle, dass das Virus so schnell wie möglich endemisch wird. Dafür fehlen aber noch viele Menschen, die sich impfen müssen und die müssen wir irgendwie erreichen. Jeder, der geimpft ist, trägt auch ein Stück weit dazu bei, dass nicht noch weitere Mutationen entstehen.

Die vierte Welle lässt derzeit etwas nach, die Inzidenzen sinken leicht, aber Omikron könnte schon bald die fünfte Welle auslösen. Wie erleben Sie den Alltag in der Klinik?

Holzner Die fünfte Welle ist für uns noch nicht spürbar. Wir haben Corona-Fälle aus der gesamten Region im Haus, gerade werden es wieder mehr. Und natürlich kümmern wir uns auch um die Patienten, die kein Corona haben. Menschen brechen sich ein Bein oder bekommen einen Herzinfarkt. Das gibt es ja auch noch. Viele Kollegen sind ausgebrannt, wir leiden unter einem Personalmangel und Pfleger und Ärzte werden ja schließlich auch mal krank. Die Lage ist aber bei uns glücklicherweise noch nicht so dramatisch wie in einigen Kliniken im Osten und im Süden von Deutschland.

Sie haben im März das Wort „mütend“ geprägt, eine Mischung aus wütend und müde. Damals haben Sie der Politik einen Zickzackkurs vorgeworfen. Was überwiegt heute bei Ihnen – Wut oder Müdigkeit?

Holzner Ich bin immer noch mütend. Meistens bin ich eher wütend, weil die Pandemie wie eine Art Dauerzustand wirkt, der manchmal einfach so aussichtslos erscheint. Die Müdigkeit kommt dazu, man hat irgendwann keine Lust mehr auf Corona, das kennen wir ja alle. Die Wut spüre ich aber gar nicht hier bei meinem Job im Krankenhaus, den mache ich sehr gerne. Mich ärgert, was gerade in den sozialen Netzwerken passiert. Der Hass, die Falschmeldungen und Kollegen aus meiner Branche, die dort einfach Quatsch verbreiten. Das macht mich richtig wütend.

Offenbar hat die Debatte um eine Impfpflicht die Querdenker-Szene ja noch weiter radikalisiert.

Holzner Ich war lange gegen die Impfpflicht, weil ich gehofft hatte, wir könnten die Menschen allein mit Aufklärungsarbeit vom Impfen überzeugen. Viele Ungeimpfte sind ja auch keine Querdenker oder generellen Impfgegner. Darunter sind auch Menschen, die es einfach verschusselt haben, die nicht aufgeklärt oder nicht erreicht wurden. Ich dachte aber, je weiter wir die Impfkampagne treiben, desto mehr Menschen erreichen wir und irgendwann kommt bei den allermeisten die Einsicht, wie wichtig die Immunisierung ist.

 Seit Sommer arbeitet Holzner im Helios-Klinikum in Duisburg. Zuvor leitete sie das Zentrum für Notfallmedizin an der Uniklinik Essen.
Seit Sommer arbeitet Holzner im Helios-Klinikum in Duisburg. Zuvor leitete sie das Zentrum für Notfallmedizin an der Uniklinik Essen. Foto: Christoph Reichwein (crei)

Wie denken Sie heute darüber?

Holzner Mittlerweile habe ich meine Meinung geändert. Mit Reden allein kommen wir nicht mehr weiter. Wir brauchen die Impfpflicht. Vielleicht ist sie ja auch eine Erleichterung für alle, die sich vehement gegen das Impfen gesträubt haben. Sie können sich jetzt impfen lassen ohne ihr Gesicht zu verlieren. Zwang ist nicht immer etwas Schlechtes. Er kann auch eine Chance sein.

Zuletzt haben Sie in der Talkshow von Anne Will gesagt: Neun von zehn Ungeimpften können Sie überzeugen. Erklären Sie uns, wie Sie das machen?

Holzner Die Quote entspricht meiner tatsächlichen Erfahrung hier in der Klinik und im Privatleben. Ich habe mir eine Studie aus dem New England Journal of Medicine ausgedruckt und laminiert, in der Zeitschrift werden die Risiken der Impfung und der Infektion gegenübergestellt. Oft höre ich von Patienten: Die Impfung kann doch eine Lungenembolie, eine Herzmuskelentzündung oder eine Thrombose erzeugen! Ich sage dann, ja, das kann in sehr, sehr seltenen Fällen passieren. Aber die Infektion kann all das auch verursachen – nur da ist das Risiko um ein Vielfaches höher. Viele haben mal irgendwo von einer Herzmuskelentzündung gelesen und glauben jetzt, nur die Impfung könne sie auslösen, aber die Infektion kann es auch. Wahrscheinlich werden wir uns alle irgendwann infizieren. Dann ist besser, der Impfstoff hat uns schon immunisiert und vorbereitet.

Und was ist mit den Ungeimpften, die auch Sie nicht überzeugen können?

Holzner Ich muss immer eine Argumentationsgrundlage haben. Wenn ich merke, dass es da keinen gemeinsamen Nenner gibt, dann erreiche ich die Person auch nicht. Wenn einer behauptet, Bill Gates möchte ihm einen Chip implantieren, da muss ich auch keine Studie mehr raus kramen.

Hat der Staat bei der Aufklärung versagt?

Holzner Ich weiß nicht, ob Aufklärung immer die Aufgabe des Staates sein muss. Jeder einzelne von uns hat auch eine gewisse Pflicht, sich zu informieren. Aber es stimmt schon, politisch hat mir da in den vergangenen Monaten etwas die Stringenz in der Kommunikation gefehlt. Viele Aussagen haben uns Wege verbaut. Wenn der Impfstoff in Umlauf gebracht wird und es gleichzeitig heißt, alles sei freiwillig, dann reagiert der Bürger natürlich maximal irritiert, wenn Monate später das Wort Impfpflicht fällt. In der Pandemie habe ich dieses Muster immer wieder beobachtet. Ständig wurden Dinge gesagt und wieder zurückgenommen, das verwirrt die Menschen. Und je mehr Verwirrung die Politik stiftet, desto schwieriger ist es später, in den Köpfen Fakten von Unwahrheiten zu trennen. Niemand weiß dann noch, was eigentlich richtig ist.

Man hatte zeitweise das Gefühl, Bund und Länder wollten die Pandemie zwar bekämpfen, aber dabei bloß keinem auf die Füße treten, niemanden verärgern.

Holzner Das ist generell das Problem bei Menschen, die Entscheidung treffen. Ich habe im Schockraum auch die Verantwortung für einen Patienten und für die Therapie, die wir anwenden. Wenn die nicht funktioniert, dann muss ich einen neuen Weg einschlagen. Das Problem ist ja gar nicht, dass man in dynamischen Lagen Entscheidungen überdenkt – das ist richtig, anders kann es gar nicht funktionieren. Man muss aber auch den Mut haben, sich hinzustellen und zu sagen: Da haben wir uns geirrt, da haben wir einen Fehler gemacht und jetzt korrigieren wir ihn und machen es anders. Diese Transparenz fehlt mir in der Politik.

Fällt Ihnen die Aufklärung auch einfacher, weil Sie als Ärztin eine klare und verständliche Sprache finden? Das ist ja in der Politik nicht immer der Fall.

Holzner Das mag sein. Ich versuche mit jedem Patienten hier auf Augenhöhe zu kommunizieren. Wenn ich in der Notaufnahme jemandem die Behandlung erkläre und er es dann versteht, bedeutet das ja nicht, dass es beim nächsten Patienten auch so klappt. Dann muss ich mir vielleicht einen anderen Zugang überlegen. Das gleiche gilt fürs Impfen. Man kann ja nicht erwarten, dass man für alle Bevölkerungsschichten eine Aufklärungskampagne macht und dann damit alle erreicht.

Einer Ihrer Beiträge im Netz hat in dieser Woche für ziemlich viel Aufmerksamkeit gesorgt. Sie erzählen dort von einem Ihrer Patienten. Er war nicht geimpft und bereute es, nachdem er mit einer Corona-Infektion in die Klinik kam. Jetzt ist er gestorben. Wie gehen Sie damit um?

Holzner Alles, was ich dazu sagen wollte, habe ich bereits auf Facebook geschrieben.

Gibt es etwas, dass Ihnen Hoffnung gemacht hat in zwei Jahren Pandemie?

Holzner Natürlich. Dieser Beruf bedeutet so viel mehr, als ständig über Corona und das Impfen zu sprechen. Wir haben jeden Tag Menschen hier, die dankbar sind, dass sie behandelt werden, dass jemand nett zu ihnen ist, dass einfach jemand da ist. Ich war heute bei einer Patientin, die sich einer Herzkatheteruntersuchung unterziehen musste. Die Kardiologen haben ihre Gefäße wieder schön gemacht. Sie ist jetzt dankbar und strahlt. Das sind Geschichten, die millionenfach auf der Welt passieren und das finde ich großartig. Wenn aber alle ständig nur noch sagen, wie schlimm alles in der Branche ist, dann machen die Schüler irgendwann auch kein Praktikum mehr hier.

Haben Sie einen Weihnachtswunsch?

Holzner Ich feiere in diesem Jahr mit meinem Mann, meinen beiden Kindern und meiner Schwägerin und ihrer Familie. Alle geimpft, geboostert und getestet, quasi die 1G-Regel. Ich wünsche mir, dass wir glücklich und zufrieden sind und einfach mal für ein paar Stunden Corona vergessen können. Und dann ist nur noch Weihnachten.