Duisburger Geschichte und Geschichten

Duisburger Geschichte und Geschichten : „Wechselbalg“ fürchtet die Taufe

Um den Duisburger Wald ranken sich geheimnisvolle Geschichten, etwa die von einem Zwergenvolk.

Das Werk der Gebrüder Grimm haben Sammler von Volksmärchen und Sagen fortgesetzt. Dazu gehört auch die unheimliche Legende über ein Zwergenvolk im Duisburger Wald. Ihr Einzugsgebiet erstreckte sich vom Kaiserberg bis nach Ratingen. „Sie hausen in unterirdischen Höhlen in der Nähe von Wurzelwerk großer Bäume, verarbeiten Holzkohle, wollen sich nicht taufen lassen und können uralt werden“, so die feste Überzeugung unserer Ahnen. Menschen sollten sich vor dem Zwergenvolk fernhalten. Wegen Überalterung müssen die Zwerge ihren Genpool auffrischen, in dem sie „wohlgestaltige Menschenkinder“ rauben.

Hier die Sage, die bei Karl Heck und Hans Homann in ausgeschmückter Form nachzulesen ist. Es geht um eine glückliche Bauernfamilie, die sich über ihrem gesunden Nachwuchs freut, aber ins Visier rachsüchtiger Zwerge gerät. Bald nach der Geburt bemerkt die Bauersfrau, dass das Töchterchen keinen Zentimeter größer wurde. „Das ist nicht mehr unser eigenes Kind …“. Besorgt sah die Mutter, wie unter dem struppig gewordenen Haar sich die kindliche Stirn in tiefe Falten legt und das Gesicht greisenhafte Züge annahm. Jeder, der das Kind sah, sagte betroffen: „Es ist ein Wechselbalg. Die Zwerge haben es in einem unbeobachteten Augenblick aus der Wiege genommen und in ihre Höhle im Wald verschleppt. An seiner Stelle haben sie den Wechselbalg ins Kinderbett hineingelegt “.

Nach altem Volksglauben verstand man unter „Wechselbalg“ ein von bösen Geistern oder Zwergen untergeschobenes hässliches, missgestaltetes Kind. Die jungen Eltern waren verzweifelt. Die erfahrene Frau des Dorfschmieds erteilte dem jungen Bauern einen weisen Rat: „Die Zwerge scheuen das Taufwasser und Eierschalen, damit kannst du sie einschüchtern“. Der Bauer machte sich ermutigt ans Werk und stellte in seinem Haus viele Töpfe mit geweihtem Wasser auf und verstreute Eierschalen. Dann versteckte er sich und wartete ab. Der „Wechselbalg“, eine verhutzelte alte Zwergin, sprang in der Nacht aus dem Kinderbett und eilte zu ihrem Zwergenvolk. Aufgeregt berichtete sie, dass der Bauer alle Zwerge taufen wolle. Zudem habe er Eierschalen ausgelegt, damit sie sich durch das Auftreten auf die knirschenden Schalen bei der Flucht verraten würden. Die Androhung der Taufe mit Quellwasser aus dem Duisburger Wald löste im Zwergenvolk Entsetzen und Schrecken aus. „Wir wollen keine Taufe in Marienborn“, murmelten sie beklommen. „Dann geben wir lieber das geraubte Menschenkind zurück.“ So geschah es. Am anderen Tag fanden die Eltern ihr munteres Töchterchen im Kinderbett. Sie konnten ihr Glück kaum fassen.

Zwerge der Völuspá (Lieder-Edda). Illustration von Lorenz Frølich, 1895. Foto: Wikipedia. Foto: Wikipedia

Sagen und Märchen sind seit Jahrhunderten im Volksglauben tief verwurzelt. Die Zwergenerzählungen stammen aus der altnordischen Lieder-Edda und wurden im Zuge der Christianisierung in vielen lokalen Varianten modifiziert. Aus der Duisburger Zwergenbeschreibung lassen sich bestimmte Eigenschaften und Merkmale ableiten. Sie verkörpern das Hässliche, Groteske, Böse und stehen somit im Kontrast zu unseren Vorstellungen über Schönheit und das Wahre und Gute. Damit versichert man sich der eigenen Normalität gegenüber dem Fremden, die als Bedrohung wahrgenommen wird. Die Angst, ein missgestaltetes Kind zur Welt zu bringen, wird auf das Zwergenvolk übertragen.

Dass sich ein gesunder Säugling in kurzer Zeit zu einem missgestalteten Wesen verändert, konnten sich unsere Ahnen nicht vorstellen, geschweige denn erklären. Der Mythos vom „Wechselbalg findet sich in germanischen und christlichen Glaubensvorstellungen. Selbst Theologen wie Martin Luther empfahlen, Wechselbälge im Fluss zu ersäufen. Die unter „Kretinismus“ zusammengefassten Missbildungen wurden wissenschaftlich erst im 19. Jahrhundert erforscht, so die Deutsche Apothekerzeitung. Es handelt sich um ein angeborenes Jodmangelsyndrom. Die kindliche Schilddrüse produziert zu wenig Thyroxin. Dadurch verlangsamt sich der gesamte Stoffwechsel, Zwergwuchs und Sprachstörungen sind die Folge. Später wurden Extrakte aus der Schilddrüse erfolgreich zur Therapie des Kropfes und des Kretinismus eingesetzt, doch erst 1914 isolierte der amerikanische Biochemiker Edward Calvin Kendall (1886 – 1972) das Schilddrüsenhormon Thyroxin.

Mehr von RP ONLINE