Duisburger Geschichte und Geschichten: Rodin und Thyssen

Lokalhistorie als Rätsel : Der Künstler und der Industrielle

Die unbekannten Seiten zweier gegensätzlicher Zeitgenossen, die einen großen Namen trugen.

Von wem ist hier die Rede? Duisburger Leser werden das Personenrätsel lösen können (die Auflösung finden Sie am Ende des Artikels).

Was verband zwei Männer, deren Welten extrem unterschiedlich waren? Sie waren Zeitgenossen, geformt in den Jahrzehnten der zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. Sie lebten dabei in Bereichen, die durch nichts zu verbinden waren. Doch  das Ungewöhnliche ihrer Beziehung begann im Dezember 1905 zwischen Marmorblöcken, im Atelier des 65jährigen Bildhauers. Der feinsinnige Rainer Maria Rilke, sein  Sekretär, beschrieb ihn wie folgt: „Man wird einmal erkennen, was diesen großen Künstler so groß gemacht hat: dass er ein Arbeiter war, der nichts ersehnte, als ganz, mit allen seinen Kräften, in das niedrige und harte Dasein seines Werkzeuges einzugehen.“

Der aus Deutschland angereiste Auftraggeber galt als kantiger, visionärer Machtmensch, der ein gewaltiges Firmenimperium geschaffen hatte. Ent­ge­gen al­ler Ge­rüch­te über sei­nen Geiz war er durch­aus be­reit, Geld für die Ausstattung seines Alterswohnsitzes auszugeben. Der damals 63-Jährige hatte zwei Jahre zuvor eine versteckt im Wald liegende Burganlage nahe der Ruhr erworben und sie großzügig umbauen lassen. Die Ausstattung umfasste unter anderem ein Jugendstil-Badezimmer, das er 1904 auf der Pariser Weltausstellung erstanden hatte. Die großzügig geschnittenen Räume mit Eichenholz und großen Ölgemälden wirkten konservativ gediegen und strahlten dabei eine behagliche Gemütlichkeit aus.

Doch die wahre Obsession des Eigentümers galt der Schönheit und Harmonie von sechs Skulpturen des berühmten Pariser Bildhauers. Dessen Arbeiten fanden zwischen 1905 und 1911 ihren bevorzugten Platz in dem lichtdurchfluteten Wintergarten des Herrensitzes. Hier zog sich der noch immer mitten im Wirtschaftsleben stehende Unternehmer zurück, um die Vollkommenheit von Form und Harmonie an den mattschimmernden Marmor zu entdecken. Seine Ergriffenheit und Bewunderung für diese Werke bekannte er in den Briefen an den Pariser Bildhauer. Aus diesem Kunsterlebnis wuchs der Wunsch nach einer persönlichen Verbindung. Doch es war ein sehr ungleiches Verhältnis, das die beiden damals schon an der Schwelle des Alters stehenden Männer verband: Auf der eine Seite die uneingeschränkte Bewunderung, die der Industrielle dem Künstler entgegenbrachte, während der begnadete Bildhauer dem Industriemagnaten eher distanziert begegnete und sich über seinen Sekretär, dem Nachfolger Rilkes,  gegenüber seinen Kunden abschottete. Oft dauerte es Jahre, bis ein Werk das Atelier verließ.

Der Großindustrielle suchte daher den Weg des persönlichen Kontakts. Wie der zustande kam, gilt in der Literatur als unbekannt. Als sich die beiden Männer im siebenten Jahrzehnt ihres Lebens einander zum ersten Male begegneten, hatten die Beziehungen zu Frauen bei beiden unterschiedliche Spuren hinterlassen. Der wirtschaftlich erfolgreiche Familienpatriarch hatte eine geschiedene Ehe mit vier Kindern hinter sich. Der Plan einer Familiendynastie war gescheitert. Mit Nüchternheit, rationalen Überlegungen hatte er seinen wirtschaftlichen Erfolg erzielt, aber Gefühle hatten selbst im privaten Bereich keinen Platz. Zu seinen Kindern hatte er ein distanziertes und konfliktbeladenes Verhältnis. Vielleicht war seine Skulpturensammlung eine verdrängte Suche nach Harmonie? Ein Zeichen der Lebenswirklichkeit des seit 23 Jahren geschiedenen Mannes und „bekennenden Katholiken“.

Dagegen war der bewunderte Pariser Bildhauer ein „hommes à femmes“, dessen bewegtes Liebesleben Schlagzeilen machte. Die leidenschaftliche Liebesbeziehung mit der Bildhauerin Camille Claudel endete 1898, aber im Jahr 1904 hatte die Künstlerin Gwen John den Altmeister neu entflammt. Die Liebe diente ihm als Quelle für eine schier unendliche Schaffenskraft voller Kreativität, Erotik und Sinnlichkeit. Die Lebenswelten der beiden Männer konnten somit unterschiedlicher nicht sein. Ob es bei den späteren Folgebesuchen und der Bestellung von vier weiteren Skulpturen zu einer persönlichen Annäherung zwischen den beiden entgegengesetzten Charakteren kam, erscheint eher unwahrscheinlich. Die Verbindung zwischen den beiden genialen Köpfen brach ab. Unterschiedliche Auffassungen über Zahlungs- und Liefermodaliäten waren vermutlich die Ursache. Unverwirklicht blieb dadurch auch der Plan, eine Büste für den herausragenden Unternehmer anzufertigen.  Der Industriemagnat beschrieb rückblickend sein Lebenswerk: „Was ich geschafft und erarbeitet habe, bleibt schließlich doch nur der Allgemeinheit, denn ins andere Leben mithinübernehmen kann ich nichts davon.“

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