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Duisburger behandelt Tourette-Syndrom seit Jahren mit Cannabis

Behandlung mit Cannabis : Ein Leben mit Tourette

Lars Scheimann hat im Alter von 30 Jahren die schwer verdauliche Diagnose erhalten: Er leidet unter dem Tourette-Syndrom. Mit dem Rauchen von Cannabis ist es ihm möglich, seine Ticks verschwinden zu lassen. Heilbar ist die Krankheit nicht.

Lars Scheimann raucht jeden Tag drei bis fünf Gramm Cannabis. In regelmäßigen Abständen muss er sich einen Joint anstecken, vor allem wenn er sich in der Öffentlichkeit bewegt. Denn der 49-Jährige hat das Tourette-Syndrom – eine Erkrankung des Nervensystems, die sich durch Ticks äußert. Der Hanf hilft ihm, ein Leben komplett ohne diese ungewollten  und wiederkehrenden Zuckungen und Ausdrücke zu führen, ein ganz normaler Mensch zu sein.

Scheimann war 30 Jahre alt, als er die schockierende Diagnose erhielt. Schon als Kind sei er von einer Ärztin wegen Tickstörungen behandelt worden, die Diagnose Tourette sei dann erst viele Jahre später aufgestellt worden. „Ich habe einen Menschen im Fernsehen gesehen, der die gleichen Ticks wie ich hatte und erzählte, dass er an Tourette leidet“, erinnert sich der 49-Jährige. Als er das sah, wusste Scheimann, dass auch er das Syndrom in sich trägt. „Ich habe geweint, es war sehr berührend und auch erlösend für mich“, erinnert er sich. „Ich habe gesehen, dass es Menschen gibt, die genau wie ich sind. Und ich wusste endlich, was mit mir los ist.“

Scheimann beschreibt das Tourette-Syndrom wie einen „Schub, den man nicht steuern kann“. Bei ihm äußert sich die Krankheit in einem permanenten Schnalzen und Räuspern – tausend Mal am Tag. „Das ist wie ein Schluckauf, der nicht weg geht“, sagt er. Scheimann kennt Leute, denen es mit der Krankheit deutlich schlechter geht. Betroffene, die Schimpfwörter oder „Heil, Hitler!“ rufen würden, wie er sagt, und Frauen, die auf Brüste zeigen und „Schöne Titten!“ schreien würden. Scheimann wünscht sich gerade in solchen Fällen, dass die Krankheit kein Tabu mehr ist: „Außenstehende sollen mit Menschen, die am Tourette-Syndrom erkrankt sind, umgehen wie mit anderen Menschen auch.“

Aufgrund seiner Ticks war die Jugendzeit von Scheimann alles andere als einfach und schön, gibt er zu. „Kinder sind immer ehrlich“, sagt er. Er finde es zwar immernoch falsch, dass er wegen seiner Ticks früher gehänselt worden sei. Doch mittlerweile verstehe er, warum sich die Menschen damals von ihm und seiner Krankheit distanziert hätten. „Wenn man die Zeit vor sich hat, dann muss man da durch“, so Scheimann rückblickend.

Bevor der gelernte Schiffsbauer angefangen hat, Cannabis zu rauchen und damit seine Krankheit zu bekämpfen, führte er ein sehr zurückgezogenes Leben. „Ich wollte nicht vor die Tür“, berichtet der 49-Jährige. „Zuhause habe ich mich am sichersten gefühlt und auch weniger Ticks gehabt. Da konnte ich Lars sein.“ Auf der Straße seien seine Ticks nicht gut angekommen. „Die Leute haben streng und aggressiv geguckt und sich angesprochen und provoziert gefühlt“, so Scheimann. So sei es auch schon vorgekommen, dass er einer Schlägerei aus dem Weg gehen musste.

Scheimann war einer der ersten Cannabis-Patienten in Deutschland. Schon seit 20 Jahren raucht er die Droge legal und lindert so seine Ticks. Das ungewöhnliche Medikament bekommt er von einem Arzt verschrieben und von der Krankenkasse bezahlt. „Nur mit Cannabis bin ich ruhig und habe keine Ticks“, berichtet er. „Hanf gibt mir jeden Tag Lebensglück.“ Auch einer Arbeit könne er nur nachgehen, wenn er zwischendurch einen Joint rauche. „Cannabis hilft laut Studien bei 85 Prozent aller Tourette-Patienten und hat wenig bis keine Nebenwirkungen“, sagt er. So könnten viele Betroffene wieder ein soziales Mitglied der Gesellschaft werden.

Scheimann hat heute auch beruflich einen Bezug zur Pflanze. In seinem Fachgeschäft „Doktor Hanf“ an der Claubergstraße verkauft er unter anderem Öle und Hundefutter aus Hanf, das in Luxemburg angebaut wird. Seine Erfahrungen im Umgang mit dem Tourette-Syndrom und mit Cannabis als Medikament gibt der 49-Jährige auch als Sprecher einer Selbsthilfegruppe weiter, die 2003 gegründet wurde.

Menschen aus halb Deutschland suchen in der Selbsthilfegruppe das Gespräch mit Scheimann. Darin geht es häufig darum, wie Betroffene am besten mit der Krankheit umgehen, leben und arbeiten können, oder wo es die besten Ärzte für eine Behandlung gibt. „Es ist eine Hilfe zur Selbsthilfe“, erläutert Scheimann. Jede zweite oder dritte Woche komme zum Beispiel jemand  vorbei, der auch die Cannabis-Therapie ausprobieren wolle.

Gruppentreffen, wie sie in vielen anderen Selbsthilfegruppen auf der Tagesordnung stehen, gibt es unter der Regie von Scheimann nicht mehr. „Einzelgespräche funktionieren besser“, sagt er. Denn sind viele Menschen mit Tourette-Sydrom in einem Raum, können die Ticks schlimmer werden. Manche Betroffene guckt en sich auch Ticks von anderen ab. „Dann kann es vorkommen, dass alle im Raum klopfen und schreien“, so Scheimann. „Was auf manche Leute lustig wirkt, ist auf den zweiten Blick sehr erschreckend und für die Betroffenen sehr unangenehm.“

(jlu)