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Duisburg: Zufluchtsort für verfolgte Humanistinnen

Serie : Der lange Weg zur Gleichberechtigung

Duisburg war Zufluchtsort für verfolgte Humanistinnen.

Der Beginn eines Streits um die Gleichberechtigung von Mann und Frau, ist eng mit der Humanistin Christine de Pizan verbunden. Das mag überraschen, denn diese Frauengestalt (1364 – 1430) lebte in einer Zeit, die von Männern dominiert wurde. Dass die Erde sich um die Sonne dreht, entsprach eher der spätmittelalterlichen Vorstellungswelt, als dass die Frauen den Männern gleichgestellt sein könnten. Die mutige Christine de Pizan hatte einen öffentlichen Streit über die Frauen ausgelöst. Die Franzosen nannten es „Querelle des femmes“. Dieser Streit entwickelte sich zu einer der ersten Debatten, die besonders hitzig geführt wurden.

Die Schriftstellerin Christine de Pizan prangerte den Umgang mit den Frauen an und wies offensiv auf das politische Versagen der Männer hin: „Ich weiß wirklich nicht, weshalb die Männer von weiblichem Wankelmut und Launenhaftigkeit sprechen. Sie sollten sich schämen, so etwas zu verbreiten, vor allem angesichts der großen Unentschlossenheit und Beliebigkeit, die in den von ihnen – und nicht etwa von den Frauen! – betreuten wichtigen Angelegenheiten waltet; das ganze gleicht den Spielen kleiner Kinder, und von entsprechender Qualität sind dann auch die Reden und Beschlüsse auf ihren Ratssitzungen.“

Ein starkes politisches Statement einer humanistisch gebildeten Frau, das sie als frühe Kämpferin für Frauenrechte ausweist. Nicht nur in ihrer Wahlheimat Frankreich war sie zu einer bekannten Persönlichkeit geworden. Erwartungsgemäß gab es männliche Gegner, die sich allerdings oft in die Anonymität flüchteten. Doch die Unterstützung der Forderungen zur Gleichberechtigung der Frauen wuchs. So veröffentlichte der Gelehrte Agrippa von Nettesheim (1486 – 1535) eine Schrift mit dem Titel „Von Adel und Vorrang des weiblichen Geschlechts“.

Immer mehr Frauen, Zeitgenossinnen des berühmten Humanisten Erasmus von Rotterdam (1465/69 – 1536), entdeckten sich mit gestiegenem Selbstbewusstsein selbst. Sie gehörten zu einer Bildungselite, die auf Augenhöhe mit Männern argumentierten und nicht nur anspruchsvolle Gedichte und Widmungen publizierten. Einige Humanisten erkannten frühzeitig die Begabung junger Frauen und förderten sie nach Kräften. Es handelte sich dabei nicht um eine lokale isolierte Entwicklung; vielfältige grenzüberschreitende Kontakte sorgten für einen Kulturtransfer. Städte wie Florenz, Venedig, Paris, Antwerpen, Gent, Löwen, London, Basel, Köln waren dabei Vorreiter. Humanismus, Gelehrsamkeit, Toleranz, kulturelle Blüte, selbstbewusste Frauen und die Verbreitung von Literatur und Wissen durch den Buchdruck – all das spiegelt die Aufbruchstimmung in der Zeit der Renaissance wider.

Aber das Lebensumfeld der Frauen im 16. Jahrhundert wurde zunehmend durch die dunklen Seiten dieser Epoche bestimmt: Innerchristliche Intoleranz, Religionsspaltung und Verfolgung verbreiteten damals Angst und Schrecken. Vielen Gelehrten wie dem flämischen Humanisten Utenhove d.J. (1536 – 1600) und seinen Familienangehörigen blieb nur die Flucht. Die Spur der Familie Utenhove führte nach Duisburg. Der Vater Utenhoves lebte seit 1562 mit seiner Tochter Anna von Utenhove in Friemersheim (heute Rheinhausen), weil er vor der Inquisition fliehen musste und sich zeitweise in Duisburg aufhielt. Seine Tochter, Anna von Utenhove, war eine gebildete Dichterin. Die polyglott ausgebildeten flämischen Humanisten bereicherten das Geistesleben Duisburgs.

Dazu gehörte auch Johann Otho, der eine Privatschule an der Beekstraße/ Ecke Casinostraße betrieb und dort auch die Kinder Gerhard Mercators unterrichtete. Seine hochbegabte Tochter verfasste Gedichte, die auch in England am Hofe Elisabeth I. bekannt waren. Johanna Otho pflegte die Korrespondenz mit humanistisch gebildeten Frauen unter anderem mit der Salondame und Dichterin Camille Morel in Paris – ebenfalls eine Schülerin des flämischer Gelehrten Karl von Utenhove d.J.. Aber ein akademisches Studium blieb den hochbegabten Frauen lange verwehrt.

Es gab allerdings eine Lücke im System der Alten Universität Duisburg: Eine gewisse Juliana Martia erhielt 1692 in den Freien Künsten und in der Medizin bei den Universitätsprofessoren Privatunterricht. Obwohl sie sich nicht immatrikulieren durfte, wurden ihr Leistungen auf Promotionsniveau bescheinigt, so Professor Withof in seiner Duisburger Chronik. Gleichwohl wurde über Jahrhunderte kein Wert auf eine fundierte Ausbildung junger Frauen gelegt. In Preußen wurden erst 1908 Frauen zum Studium zugelassen. Deutschland konnte sich der Reformbewegung in Europa und der stärker werdenden Frauenemanzipation nicht mehr entziehen.

29. Juli 2018, 15 Uhr, Stadtmuseum Corputiusplatz, „Starke Frauen zu Mercators Zeiten“. Eine Auswahl herausragender Frauengestalten bis zur Neuzeit.