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Duisburg: Zeithistoriker Bernd Faulenbach über Demokratie und die Deutschen

VHS-Vortrag in Duisburg : Zeithistoriker Bernd Faulenbach spricht über Demokratie und die Deutschen

Der bekannte Zeithistoriker Bernd Faulenbach, der viele Jahre als Professor an der Uni Bochum lehrte, spricht am 10. Mai in der Duisburger Volkshochschule über die Deutschen und die Demokratie-Geschichte.

Sie engagieren sich seit vielen Jahren in der Vereinigung „Gegen Vergessen – Für Demokratie”, die in Duisburg sehr aktiv ist. Weshalb ist Ihnen diese ehrenamtliche Tätigkeit wichtig?

Bernd Faulenbach Der Zeithistoriker, dessen Disziplin sich mit der Geschichte der jeweils lebenden Generationen auseinandersetzt, sollte aus meiner Sicht nicht im „Elfenbeinturm“ sitzen. Seine Arbeit empfängt nicht nur wesentliche Impulse aus den Spannungsfeldern von Staat und Gesellschaft, sie wirkt sich auch auf diese aus und trägt zu deren Orientierung bei. Die überparteiliche Vereinigung „Gegen Vergessen – Für Demokratie“, die 1993 von Hans-Jochen Vogel und anderen gegründet und zeitweilig von Joachim Gauck geleitet wurde, setzt sich das Ziel, die Erinnerung an die Geschichte der NS-Zeit, den Holocaust und andere Kapitel der jüngsten deutschen Geschichte zu bewahren, um daraus für die Gegenwart unserer Demokratie zu lernen. Ich denke, dabei kann der Zeithistoriker, der gleichsam ein öffentliches Amt ausübt, durchaus helfen, zumal er weiß, dass jede historische Konstellation auch wieder als eine neue zu begreifen ist.

„Gegen Vergessen – Für Demokratie” hat eine Vortragsreihe mit dem Motto initiiert „Die Deutschen, ihre Geschichte – und was sie dafür halten”. Dahinter scheint der Verdacht zu stecken, dass viele falsche Vorstellungen über „deutsche Geschichte” in Umlauf sind. Stimmt die Vermutung?

Faulenbach Zum großen Teil: Im Laufe der historischen Entwicklung verändern sich auch die Bilder von Geschichte. Brüche der Geschichte wirken sich ebenso aus wie unterschiedliche generationelle Erfahrungen. Die gegenwärtige Konstellation in Deutschland scheint mir dadurch gekennzeichnet zu sein, dass verschiedene Tendenzen des Umgangs mit Geschichte miteinander konkurrieren. Ein Teil der Menschen lebt ziemlich geschichtslos – sie haben kaum Vorstellungen von Geschichte. In Klammer gesagt: Bemerkenswerterweise genauso wenig von der Zukunft, für die herrscht immer nur ein „Heute“. Mit diesem Präsentismus verbunden sind häufig klischeehafte Vorstellungen über Geschichte und Gegenwart, auch eine Anfälligkeit für Mythen, Legenden und Verschwörungstheorien. Daneben aber gibt es ernsthafte Diskussionen über die deutsche Geschichte, die die Reihe aufgreifen will, wobei auch der wissenschaftliche Forschungsstand einzubeziehen ist – mit seinen Kontroversen. Es geht um ein zeitgemäßes historisch-politisches Selbstverständnis.

Am 10. Mai halten Sie in der Duisburger Volkshochschule einen Vortrag, den Sie mit der Frage überschreiben: „Unbegabt für die Freiheit?” Aber: Ist der deutsche Michel, der vor der Erstürmung eines Bahnhofs eine Bahnsteigkarte löst, wie Lenin einst spottete, nicht nur ein Klischee?

Faulenbach Klischees enthalten meist ein Körnchen Wahrheit, laufen allerdings durchweg auf eine Verallgemeinerung hinaus, die keine differenzierte Sicht zulässt. Dies gilt etwa für die These von Deutschland als dem „Land ohne Revolution“, in dessen Obrigkeitsstaat autoritäres Verhalten immer vorgeherrscht habe. Abgesehen davon, dass man durchaus darüber reden kann, wo Revolutionen möglich waren und was sie dann im 20. Jahrhundert brachten, spiegelt Lenins Diktum, das mit seiner Hoffnung auf die Deutschen als Träger der Weltrevolution zusammenzusehen ist, im Hinblick auf das 19. und 20. Jahrhundert nur ein Klischee – erinnert sei unter anderem an revolutionäre Geschehnisse 1830, die Revolution 1848/49 oder die Revolution 1918/19, die zweifellos eine erfolgreiche Revolution war, auch wenn sie manchen auf der Linken nicht weit genug ging und andere sie für obsolet hielten und ablehnten.

Und weshalb gibt es den Verdacht, dass es in Deutschland an „demokratischer Begabung“ mangelt?

Faulenbach In Deutschland entwickelte sich seit der Zeit der Französischen Revolution durchaus demokratisches Denken, allerdings ist seine Ausbreitung keineswegs als lineare Aufwärtsentwicklung zu beschreiben, es gab Rückschläge, Umwege und Regressionen. Aufs Ganze gesehen ist die Geschichte der Demokratie in Deutschland neu zu entdecken und zu fragen, warum diese Geschichte so weitgehend verdrängt worden ist. Es gibt gewiss Spezifika der deutschen Geschichte, doch sind diese – etwa bezogen auf das Kaiserreich oder die Weimarer Republik – präzise zu erfassen und erlauben nicht, pauschal von einem „deutschen Sonderweg“ zu sprechen. Um derartige Fragen wird es am 10. Mai gehen.

Viele halten die Demokratie für gefährdet? Überwiegt bei Ihnen der Optimismus, dass sich die Demokratie hier in Deutschland hält
und in bislang noch autoritären Regimen sich irgendwann durchsetzt?

Faulenbach Die Beschäftigung mit Geschichte lässt erkennen, was die Durchsetzung von Demokratie den Menschen gebracht hat. Und sie lässt auch erkennen, dass Demokratien – wie auch die Zwischenkriegszeit gezeigt hat – scheitern können. Sicherlich ist die Konstellation gegenwärtig eine andere als damals. Doch muss Demokratie immer wieder neu durchgesetzt, verteidigt, gelebt und auch weiterentwickelt werden. Und Gefährdungsmomente, die im Populismus unübersehbar sind, haben wir in Deutschland und vielen anderen Ländern durchaus ernst zu nehmen. Wir haben darauf zu achten, dass neben den Anliegen von Minderheiten die Interessen breiter Bevölkerungsschichten und der gesellschaftliche Zusammenhalt beachtet werden. Und was die autoritären Systeme angeht, so stehen auch sie vor großen Herausforderungen. Die Zukunft ist offen, doch haben Demokratien und Demokraten gute Chancen sich – zumal im europäischen Verbund – zu behaupten, wenn sie die Zeichen der Zeit richtig interpretieren.

Der Vortrag von Bernd Faulenbach wird am Montag, 10. Mai, 20 Uhr, kostenlos online übertragen. Weitere Informationen gibt es unter www.vhs-duisburg.de oder 0203 283-2616.