Duisburg: Wundarzt im 16. Jahrhundert

Duisburger Geschichte und Geschichten : Amputationen ohne Narkose

Der Friemersheimer Utenhove entdeckte die Begabung des jungen Fabry. Im 16. Jahrhundert konnte die Behandlung von Quacksalbern das Todesurteil bedeuten. Doch der Wundarzt Wilhelm Fabry (1560-1634) beeindruckte.

Das Bild einer Unterschenkelamputation im Hildener Fabry Museum löst bei vielen Besuchern ein gewisses Schaudern aus. Der Bildtext beschreibt die Arbeit des Wundarztes: „Nach Einweisung der beherzten Helfer soll der Wundarzt mit einem starken, scharfen, besonders angefertigten Messer das Fleisch bis auf die Knochen durchtrennen und zugleich das feine Häutchen auf dem Knochen so viel wie möglich entfernen, damit die Säge ungehindert läuft....Die Waden aber, durch die die großen Puls- und Blutadern abwärts laufen, soll er zuletzt durchtrennen, damit ....der Kranke nicht verblutet. Alles das muss schnell, sicher und genau verrichtet werden.“ Der Textauszug stammt von Wilhelm Fabry. Der geniale Wundarzt entwickelte im 16. Jahrhundert neue Operationsmethoden und chirurgische Instrumente.

Wilhelm Fabry wurde am 25. Juni 1560 in Hilden geboren. Auf der Grundlage einer handwerklichen Ausbildung als Wundarzt entwickelte er sich zum Wegbereiter der Chirurgie - und das ohne akademische Bildung. Akademisch ausgebildete Ärzte nahmen damals keine chirurgischen Eingriffe vor. Die Aufgabenbereiche der akademischen Mediziner und der handwerklichen Wundärzte waren strikt voneinander getrennt. In den Aufgabenbereich der Wundärzte fielen vor allem äußere Wunden und Verletzungen, aber auch Abszesse, Tumore, Hämorrhoiden, Gefäßleiden, Verbrennungen oder Erfrierungen. Wundärzte führten Amputationen durch und stellten Prothesen her; teilweise spezialisierten sie sich auf Starstiche, Blasenstein- und Bruchoperationen sowie Darmnähte, versorgten Knochenfrakturen, extrahierten Zähne oder renkten Gelenke ein - nicht immer zum Wohl der Patienten. Fabry wehrte sich Zeit seines Lebens gegen Scharlatanerie und sollte als Vorreiter der Chirurgie in die Medizingeschichte eingehen.

Obwohl der wissensdurstige Wilhelm Fabry bereits als 13-jähriger wegen des frühen Todes seines Vaters von der Schule abgehen musste, erkannte ein Freund der Fabry-Familie , Karl Utenhove (1536-1600), frühzeitig die außergewöhnliche Begabung des jungen Mannes. Karl Utenhove wurde für den Halbwaisen zum Ersatzvater, er förderte Fabrys Interesse an der Medizin und vermittelte ihm humanistische Bildungswerte . Utenhove stammte aus Gent, war als Anhänger der reformierten Lehre nach Köln geflohen, lebte zeitweise in Friemersheim (heute Duisburg), gehörte zum Netzwerk Gerhard Mercators und hatte bei Herzog Wilhelm von Jülich-Kleve-Berg die Stellung als Hofpoet inne. Als Humanist und Anhänger der Reformation trat er für Religionsfreiheit ein. Bis zu dessen Tod im Jahr 1600 bleibt der calvinistisch geprägte Fabry mit seinem Förderer Utenhove in Kontakt. Die humanistischen Werte lebte Fabry. Jeder Kranke, ob reich oder arm, wurde von ihm individuell behandelt. Er machte keine Unterschiede.

Ohne Studium blieb dem jungen Fabry im Jahr 1576 nur der Weg, eine Lehre als Bader in Neuss zu beginnen. Er erlernte die damals üblichen Heilmethoden wie den Aderlass oder das Verabreichen von Klistieren, um „üble Säfte“ aus dem Körper zu entfernen. Als Geselle gewann Fabry als Wundarzt und Bader zunehmend anatomische Kenntnisse und profitierte von erfindungsreichen Lehrern. Er lernte die Herrscherfamilie am jülich-klevischen Hof und humanistisch gebildete Mediziner wie Dr. Johannes Weyer und Dr. Reiner Solenander kennen. 1585 begibt sich Fabry in die Schweiz, um bei Jean Griffon, dem besten Operateur seiner Zeit, bis 1588 als Assistent zu arbeiten. Trepanation (Schädelöffnung) erlernte er 1586 bei Griffon. Das geht aus einer Fallbeschreibung hervor. Das Mediziner-Team öffnete die Schädelhaut eines Schwerverletzten, durchbohrte die Hirnschale und entfernten Knochensplitter. Die Operation gelang: Der Patient kam über den Berg. Fabrys erweiterte seine Kompetenzen systematisch. Er war davon fest überzeugt, dass nur durch Sezierung von Leichen sich Ärzte auf komplizierte chirurgische Eingriffe vorbereiten können. Genaue Beobachtung, detaillierte Dokumentation seines medizinischen Vorgehens und des Heilungsverlaufs kennzeichnen ihn als „Begründer der wissenschaftlichen Chirurgie“.

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