Duisburg: Volksverräter begeister im Theater

Theater: Von Ibsens „Volksfeind“ zum „Volksverräter!!“

Großartige Produktion mit Gastspiel im Theater.

„Ein Volksfeind“ des Norwegers Henrik Ibsen ist ein Klassiker des modernen Schauspiels. Ersetzt man den Titel durch das Unwort des Jahres 2016, sind wir schon mittendrin in einem aufgeheizten Aufmarsch heutiger „besorgter Bürger“. Bei Ibsen steht das Wohl einer Kurstadt auf dem Spiel, und der Badearzt Stockmann gleitet als idealistischer Wahrheitskämpfer ab in eine totalitäre Verachtung der Mehrheit. Vor der Folie der identitär-autoritär-trumpistischen Welle unserer Tage drehte der Regisseur Hermann Schmidt-Rahmer am Schauspielhaus Bochum den Spieß um: Was, wenn es der linksliberalen Elite angesichts der Vereinfachungen eines interessegeleiteten, feindseligen Mobs nicht mehr gelingt, voreilige Schlüsse zurückzuweisen, berechtigte Interessen abzuwägen, demokratische Verfahren zu verteidigen – und sie dabei ihrerseits das Vertrauen in die Demokratie verliert? Geht zwischen gefühlten Wahrheiten und Fake News die spätmoderne Demokratie an ihrer eigenen Komplexität zugrunde? Der Text bleibt bei Ibsens Dramaturgie, besteht aber ausschließlich aus Zitaten – zum Teil vom Autor, vor allem aber aus dem, was in der letzten Zeit in Deutschland so alles gesagt wurde. Es fällt der bittere Satz „Ich glaube, der Kapitalismus hat bemerkt, dass er die Demokratie nicht mehr braucht“.

Das Duisburger Gastspiel im Theater erwies sich als gelungene Mischung aus Soziologie-Vorlesung und Kabarett, als herrliche Ansammlung schräger Typen – allen voran Roland Riebling als Thomas Stockmann, der hier dem rechten Vordenker Götz Kubitschek nachgebildet ist. Und wenn eine politische Diskussion in eine zeitgenössische Opernszene kippt, bleibt kein Auge trocken. Über den Esstisch-Begriff „braune Soße“ wird noch gelacht, über die „Umvolkung“ schon nicht mehr. Entsetzen im Saal, als sich der eigentlich schöne Satz „Wie die Bibel lehrt: Am Ende wird die Wahrheit sich durchsetzen“ als Zitat von US-Präsident Donald Trump erweist. Zum Glück beschränkt sich der Abend nicht auf das Klischee, demzufolge das Theater und sein Publikum in derselben linksliberalen Blase leben, sondern regt zum selbständigen Denken an. Übrigens: Ab November ist diese großartige und erfolgreiche Produktion an der Berliner Volksbühne zu erleben.

(hod)
Mehr von RP ONLINE