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Duisburg: Virologe Mirko Trilling über Tests, Impfstoffe & Weihnachten

Virologe der Uniklinik Essen : „Haben den Höhepunkt der Welle noch nicht erreicht“

Immer mehr Menschen in Duisburg infizieren sich mit dem Coronavirus. Der Virologe Mirko Trilling forscht an der Universität Duisburg-Essen und ordnet die Zahlen ein. Ein Gespräch über das Hoffen auf den Impfstoff und ein Weihnachtsfest in Zeiten einer Pandemie.

Herr Prof. Trilling, oft wurde gewarnt vor der sogenannten zweiten Welle. Dennoch steigt die Zahl der Neuinfektionen in Deutschland jetzt rapide an. Was ist da los?

Trilling Die Menschen haben ihr Verhalten verändert, weil es draußen kälter wird. Viele halten sich deshalb wieder öfter drinnen auf, meist zusammen mit anderen Personen in schlecht belüfteten, engen Räumen. Der Sommer hatte mehrere Vorteile: UV-Licht und höhere Temperaturen reduzieren die Anzahl infektiöser Viren, unser Immunsystem arbeitet effektiver, wir lüften mehr und wir sind mehr im Freien. Insgesamt infizieren sich Menschen in der kalten Jahreszeit leichter mit respiratorischen Erregern. Dazu kommt bestimmt, dass es bei einigen Menschen zu einer Art Gewöhnung an die Gefahr gekommen ist, die von Sars-CoV-2 ausgeht. Wenn ich mich in der Stadt umsehen, stelle ich leider fest, dass nicht alle Maßnahmen konsequent eingehalten werden.

Sind Sie beunruhigt?

Trilling Ja. Dieser frühe und starke Anstieg der Fallzahlen ist in der Tat sehr besorgniserregend.

Was war Ihre Prognose?

Trilling Wir haben damit gerechnet, dass die Zahl der Fälle im Herbst und Winter steigt. Ich hatte jedoch gehofft, dass wir wettertechnisch einen schönen Herbst bekommen und diese Entwicklung der steigenden Infektionszahlen etwas später beginnt und uns nicht so abrupt trifft. Wir müssen leider davon ausgehen, dass wir bis tief in die Grippesaison, vielleicht bis in den März oder gar April, mit der Covid-19-Problematik zu tun haben werden. Ein Lichtblick ist, dass die Maßnahmen auch gegen die Grippe sehr effektiv wirken.

Brauchen wir mehr Regeln?

Trilling Es lässt sich derzeit leider nicht absehen, ob die jetzigen Maßnahmen bereits genügen, um uns ausreichend zu schützen. Jede weitere Maßnahme ist natürlich ein Eingriff in die Freiheitsrechte und das Leben der Menschen. Die Politik versucht richtigerweise, ihre Vorgaben so lose wie möglich, aber so strikt wie nötig zu gestalten. Aus meiner Sicht ist es wichtiger, dass die bekannten Maßnahmen aus eigener Überzeugung eingehalten werden. Das gilt insbesondere im privaten Bereich. Es bringt wenig, wenn im öffentlichen Raum mehr und mehr eingeschränkt werden muss und die Leute zu Hause „heimlich“ weiterfeiern. Auch wenn es uns allen sehr schwerfällt, müssen wir unsere physischen Sozialkontakte leider herunterfahren und uns an die Schutzmaßnahmen halten. Sobald wir diesbezüglich konsequent sind, bekommen wir die Zahlen auch wieder auf ein vernünftiges Niveau, entlasten die Gesundheitsämter sowie den medizinischen Sektor und – am wichtigsten – bleiben selbst gesund.

Im Vergleich zu anderen Pandemien heißt es oft, die zweite Welle sei schlimmer gewesen. Warum?

Trilling Das hatte verschiedene Gründe und das kann man in Bezug auf die Corona-Krise noch nicht abschließend sagen. Die Anzahl der täglichen, laborbestätigten Fälle ist derzeit zwar höher als im Frühjahr, der Anteil an positiven Tests ist heute aber noch niedriger. Die Testkapazitäten waren damals noch nicht auf dem heutigen Niveau. Wir testen mittlerweile fast zehn Mal so viele Menschen pro Woche wie zu Beginn der Pandemie. Die Positivrate steigt derzeit jedoch auch an. Am Anfang einer Pandemie startet das Virus von einigen wenigen Indexfällen. In der zweiten Welle existieren zahlreiche Infektionsherde in der Bevölkerung, die alle Ausgangspunkte größerer Infektionsketten werden können. Als Sars-CoV-2 nach Deutschland kam und die Infektionen begannen, war der Winter kurz vor seinem Ende. Jetzt müssen wir erst durch die gesamte, kalte Jahreszeit hindurch. Außerdem steht die Advents- und Weihnachtszeit noch bevor. Ich fürchte, wir haben den Höhepunkt dieser Welle leider noch nicht erreicht.

Wie wird Weihnachten in diesem Jahr aussehen?

Trilling Ich appelliere daran, vorsichtig zu sein – insbesondere falls ältere Menschen oder Personen mit Vorerkrankungen zugegen sind. Wenn jüngere Menschen mit vielen Kontakten zu anfälligen, älteren Mitmenschen engen Kontakt haben, ist derzeit leider Vorsicht geboten. Wir sollten uns alle gemeinsam überlegen, wie wir eine gesunde Mischung aus Schutz und Tradition für die Weihnachtszeit finden können.

Mirko Trilling, 42, ist Virologe an der Uniklinik Essen und eigentlich spezialisiert auf Herpesviren. Foto: UDE

Oft hören wir von der Zahl der Neuinfektionen. Ist das wirklich die wichtigste Kennziffer?

Trilling Es ist sicher eine wichtige Kennzahl. Ich denke, niemand wird sich festlegen, was die wichtigste Zahl ist. Nehmen Sie den R-Wert, die Sieben-Tage-Inzidenz, die Positivrate oder die Anzahl freier Intensivbetten und deren zeitliche Veränderung – das sind alles Informationen, die sich Politiker, Gesundheitsämter und Virologen genau anschauen. Erst daraus ergibt sich ein Gesamtbild. Man kann eine Pandemie leider nicht auf eine einzige Zahl herunterbrechen.

Die hohe Zahl der Fälle macht einige Menschen sehr vorsichtig. Es gibt Berichte, dass sogar die Vorsorge beim Arzt aufgeschoben wird. Droht da noch eine ganz andere Krise?

Trilling Vorsicht und Umsicht sind wichtig. Es gibt aber natürlich auch sehr viele andere Erkrankungen, die unbedingt und unaufschiebbar ärztliche Hilfe erfordern. Insbesondere wer akute Symptome etwa eines Herzinfarkts oder eines Schlaganfalls verspürt, sollte unbedingt umgehend ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen. Patienten mit und ohne Covid-19 werden in Krankenhäusern selbstverständlich getrennt voneinander behandelt. Unsere medizinischen Kolleginnen und Kollegen sind Profis, die bestens bezüglich Hygienemaßnahmen ausgebildet sind. Sie verhindern, dass Sie sich hier anstecken könnten.

Viel Hoffnung liegt auf Corona-Antigen-Tests, mit denen man schon nach wenigen Minuten erfährt, ob man infiziert ist. Wann werden wir die in der Apotheke kaufen können?

Trilling Virusnachweisverfahren müssen evaluiert und kontrolliert werden. Wir haben uns das selbst angeschaut. Wir sehen sehr große Qualitätsunterschiede zwischen den verschiedenen Produkten auf dem Markt. Welchen Test würden Sie sich denn privat kaufen? Für den Test benötigt man außerdem einen Abstrich aus dem tiefen Bereich der Nase. Das kann man kaum alleine machen. Außerdem sollen positive Antigentests durch komplexere diagnostische Verfahren bestätigt werden. Was machen Sie denn, wenn Ihr Test zu Hause positiv ausfallen würde? Aus meiner Sicht gehören Antigen-Tests deshalb in die Hände von ausgebildetem, medizinischen Fachpersonal. Unsere eigenen Studien zeigen außerdem, dass die Abstrichqualität besser und damit verlässlicher ist, wenn er von medizinischem Personal mit diesbezüglicher Routine abgenommen wird.

In Duisburg und Düsseldorf gilt nun eine Maskenpflicht im Freien. Ist das sinnvoll?

Trilling Ja. Jede empfohlene Maßnahme reduziert die Wahrscheinlichkeit, sich anzustecken. Jede Maßnahme alleine genommen aber eben nicht auf null. Nur eine Kombination der Maßnahmen bietet maximalen Schutz. Wenn die Leute draußen sind und Abstand halten, heißt das nicht, dass es unmöglich ist, sich dort anzustecken. Die Mund-Nase-Bedeckung senkt die Wahrscheinlichkeit dann noch weiter. Insofern hilft es, sich in einer frequentierten Umgebung wie einer Fußgängerzone weiter zu schützen. Manchmal bleiben dort ja auch Menschen stehen, unterhalten sich, der Abstand wird nicht immer eingehalten. Wer ganz alleine durch den Wald spaziert, braucht natürlich keine Maske. Auch in einer Kneipe wäre eine Mund-Nase-Bedeckung aus Sicht der Infektiologie sinnvoll – nur ist Essen und Trinken damit eben nicht möglich.

Müsste man dann nicht von einem Besuch dort abraten?

Trilling Es steht mir nicht zu, Maßnahmen oder Verbote vorzuschlagen oder zu fordern. Bei jeder Begegnung mit anderen Menschen sollten wir uns jedoch fragen, ob das gerade wirklich notwendig ist. Was sich verschieben lässt, sollte man verschieben. Ich gehe auch sehr gerne mit Freunden essen, aber versuche derzeit, es mir zu verkneifen. Da hat jeder eine eigene Verantwortung. Wir müssen uns klarmachen, dass zielgerichtete Maßnahmen irgendwann einfach nicht mehr reichen, wenn zu viele Menschen infiziert sind. Dann bleibt der Politik leider nichts anderes übrig, als für die gesamte Bevölkerung einer Stadt oder sogar eines Bundeslandes harte Maßnahmen zu verordnen. Das sollten wir gemeinsam verhindern, indem wir uns jetzt schlau und umsichtig verhalten.

2021 könnte alles besser werden. Wann ist der Impfstoff da?

Trilling Eine Prognose ist sehr schwierig. Zehn Mittel sind derzeit in der dritten klinischen Erprobungsphase, also der letzten Stufe. Viele Impfstoffkandidaten sahen in den kleineren Vorläuferstudien sehr gut aus. Ich bin deshalb optimistisch, dass es in absehbarer Zeit eine Zulassung geben wird. Noch nie zuvor in unserer Geschichte haben so viele Wissenschaftler, Ärzte, Universitäten und Hersteller in so vielen Ländern an verschiedensten Impfstoffen gegen einen einzigen Erreger gearbeitet. Sobald es da positive Nachrichten gibt, muss die Gesellschaft genau überlegen, wie viel man produzieren kann, wer ihn zuerst bekommt und wie wir es schaffen, eine ganze Volksgemeinschaft möglichst schnell damit zu versorgen.

Ihr Berufsstand war bis vor kurzem kaum in der Öffentlichkeit. Nun erhalten Virologen Bundesverdienstkreuze und zieren „Spiegel“-Cover. Wie erleben Sie diese Zeit?

Trilling Nun, man muss zumindest nicht mehr erklären, was man beruflich macht. Ich könnte auf diese Aufmerksamkeit aber sehr gerne verzichten. Virologen kommen jetzt ja nur medial vor, weil die Bevölkerung unter der Verbreitung eines sehr gefährlichen Virus leidet. Dieser Verantwortung stellen wir uns. Ich selbst bin Beamter, dessen Gehalt die Gesellschaft bezahlt. Meine Kollegen und ich sehen es also als derzeitige Dienstpflicht an. Ich mache das aber ehrlich gesagt nicht, weil das so viel Spaß macht. Wenn das vorbei ist, kann gerne wieder alles so werden, wie vor der Pandemie.