Duisburg: Viele i-Dötzchen sprechen kein Deutsch

Kindergesundheitsbericht: Viele i-Dötzchen sprechen kein Deutsch

Die Stadt hat jetzt den Kindergesundheitsbericht 2018 vorgelegt. Der belegt Defizite in vielen Bereichen von der Sprache über Fettleibigkeit bis zum fehlendem Impfschutz, gibt aber auch Handlungsempfehlungen.

Der letzte Kindergesundheitsbericht für Duisburg erschien 2007. Elf Jahre später zeigt sich: Es gibt viel zu tun. Das liegt nicht nur, aber auch an der Zuwanderung von Menschen aus Rumänien und Bulgarien nach Duisburg. Zurzeit sind dies rund 20.000 – davon viele Kinder und Jugendliche. Gesundheitsdezernent Ralf Krumpholz weist in dem Bericht darauf hin, dass in Ortsteilen mit einem überdurchschnittlichen Anteil von sozial belasteten Familien diese Kinder einem erhöhten gesundheitlichen Risiko ausgesetzt sind. „Dies ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass Kinder und Familien – insbesondere südosteuropäische Zuwanderer – teilweise nicht krankenversichert sind und dadurch gesetzliche Vorsorgeuntersuchungen und dabei angebotene Impfungen nicht in Anspruch nehmen können. Dies ist eine der großen Herausforderungen für unsere Stadt, der wir konsequent begegnen müssen“, so Krumpholz.

Basis des Gesundheitsberichts sind die Schuleingangsuntersuchungen des Kinder- und Jugendgesundheitsdienstes (KJGD) der Stadt, der sich jedes künftige i-Dötzchen unterziehen muss. Die untersuchenden KJGD-Ärzte kamen zu diesem Fazit: „Entwicklungs- und Verhaltensauffälligkeiten der Duisburger Einschulkinder treten in den letzten Jahren ,gefühlt’ immer häufiger auf, und auch die Deutschkenntnisse der Kinder werden immer schlechter.“ Einige Eckpunkte des Kindergesundheitsberichtes:

Foto: DPA Grafik

Sprache Im Jahr 2017 sprachen mehr als die Hälfte (50,1 Prozent) aller untersuchten Einschulkinder in den ersten vier Lebensjahren eine andere Sprache als Deutsch. Dies ist in den einzelnen Stadtteilen sehr unterschiedlich ausgeprägt (siehe Grafik). Der Anteil der Kinder mit der Erstsprache Deutsch ist in Bissingheim, Alt-Walsum, Wedau und Rumeln-Kaldenhausen am höchsten, in Hochfeld, Bruckhausen, Marxloh und Beeck am niedrigsten. Während in Bissingheim zehn Prozent der i-Dötzchen kein Deutsch als Erstsprache haben, sind es in Hochfeld und Bruckhausen knapp 88 Prozent. Von den untersuchten Duisburger Einschulkindern mit Migrationshintergrund hatten 16,4 Prozent keine Deutschkenntnisse, nur 8,2 Prozent sprechen fehlerfreies Deutsch.

Die Handlungsempfehlung: Eine entsprechende Förderung in der Schule kommt zu spät. Kinder müssen daher mehr häuslich gefördert werden und vor allem eine Kindertageseinrichtung besuchen. Am besten ist eine beitragsfreie Teilhabe am offenen Ganztag.

Koordinationsstörungen Bei Übungen wie Einbeinstand, Einbeinhüpfen oder „Seiltänzergang“ offenbarten 27,1 Prozent der Einschulkinder Auffälligkeiten. Kinder mit Migrationshintergrund sind davon weniger betroffen als deutsche Kinder, Jungen mehr als Mädchen.

Die Handlungsempfehlung: Eltern sollten für die Wichtigkeit von Sport und Bewegung ihrer Kinder sensibilisiert werden. Mit dem „Sportgutschein“ wollen der Stadtsportbund und die Stadt Erstklässlern einen vereinfachten Zugang zu Bewegung in Vereinen ermöglichen.

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Verhaltensauffälligkeiten Der Anteil der Kinder mit Symptomen wie grenzaustestendem oder oppositionellem Verhalten, Leistungsverweigerung, eingeschränkter Frustrationstoleranz, Distanzlosigkeit, Aggression oder motorischer Unruhe liegt bei 14,2 Prozent. 2011 hatte er noch bei 5,6 Prozent gelegen. Der Anteil der verhaltensauffälligen Kinder in Duisburg liegt damit deutlich über dem Landesdurchschnitt. Förderbedarf besteht zudem mangels Grunderfahrungen wie dem Umgang mit Schere, Stift oder Besteck.

Impfstatus Seit 2016 verzeichnet der Bericht einen abnehmenden Impfschutz bei Einschulkindern, was an einem vermehrten Zuzug nicht in Deutschland geborener Kinder liegen könnte, die in der Regel weniger geimpft wurden. In Duisburg wurden in den Jahren 2013 bis 2016 durchschnittlich mehr Kinder gegen Masern geimpft als im Land NRW (siehe Box) – allerdings bei sinkender Tendenz. Während die Weltgesundheitsorganisation eine Impfquote von 95 Prozent empfiehlt, damit sich die Krankheit nicht ausbreiten kann, lag die Quote in Duisburg 2017 nur noch bei 93,5 Prozent. Wenig überraschend: In sozial schlechter gestellten Ortsteilen wie Hochfeld oder Marxloh sind die Impfquoten deutlich niedriger als im übrigen Duisburg.

Die Handlungsempfehlung: Fehlender oder unklarer Krankenversicherungsschutz muss durch die Clearingstelle der Awo-Integration bearbeitet werden, kostenlose Impfaktionen durch die Arbeit der Malteser Migranten Medizin und durch ehrenamtliche Ärzte muss weitergeführt und unterstützt werden. Muttersprachliche „Gesundheitslotsen“ sollen die Betroffenen niederschwellig erreichen und von der Notwendigkeit der Impfung überzeugen.

Übergewicht Zu viele Kinder in Duisburg sind zu dick. 2017 waren 7,4 Prozent übergewichtig, 7,2 Prozent fettleibig (adipös). Kinder mit Migrationshintergrund waren stärker betroffen als Kinder mit Deutsch als Erstsprache. Im kommunalen Vergleich gehört Duisburg mit zu den Kommunen, die bei Adipositas die höchsten Werte aufweisen.

Die Handlungsempfehlung: Lokale Maßnahmen sind nur begrenzt wirksam. Die Teilnahme aller Schüler an einem warmen Mittagessen mit einer ausgewogenen Mahlzeit mit zuckerfreiem Getränk wären zur Verhinderung einer einseitigen Ernährung ein Anfang.

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