Duisburg: Theresa Hannigs Roman über Zwangsbeglückung

Lesung im Lehmbruck-Museum: Theresa Hannig: Roman über Zwangsbeglückung

Theresa Hannig las im Lehmbruck-Museum aus ihrem preisgekrönten Debütroman „Die Optimierer“. Dabei hat sie George Orwells Klassiker „1984“ in die digitale Welt übersetzt - erschreckend und beeindruckend.

„Die Optimierer“ heißt der erfolgreiche Erstlingsroman von Theresa Hannig, geboren 1984 in München. Er spielt im Jahr 2052 in der „Bundesrepublik Europa“, in einer „Optimalwohlökonomie“. Tiere werden nicht mehr getötet, denn es gibt einen Fleischersatz; niemand fährt mehr Auto, denn es gibt einen kostenlosen und flächendeckenden öffentlichen Nahverkehr; an Stelle von Handys verbindet eine Augenlinse die Menschen mit dem Internet; niedere Arbeiten erledigen Roboter; das Frühstück wird jeden Morgen pünktlich von der vollautomatischen Küche zubereitet. Für wen die öffentliche „Lebensberatung“ keinen passenden Arbeitsplatz findet, der darf in die „Kontemplation“ gehen, also vom bedingungslosen Grundeinkommen leben.

Soweit klingt das erst einmal nach einer positiven Utopie - wäre es nicht zugleich eine schreckliche Dystopie, denn der Preis dafür sind eine lückenlose Überwachung und überhaupt ein totalitärer Zwang, nach der Parole „Jeder an seinem Platz“. Wer genügend „Sozialpunkte“ gesammelt hat (etwas, das im China der Wirklichkeit bald tatsächlich eingeführt wird!), der bekommt einen günstigeren Krankenkassen-Tarif - einschließlich Giftpillen, die er dann mit 85 Jahren einnehmen muss, um der Geselschaft nicht weiter zur Last zu fallen. Und klar, das sich Europa, da es sich vollkommen im Recht fühlt, dann vollständig vom Rest der Welt abgeschottet hat.

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Jetzt las die Autorin aus diesem digital verschärften „1984“ im Lehmbruck-Museum. Der eigentlich linientreue Lebensberater Samson Freitag gerät in Konflikt mit dem System. Das ist herrlich menschlich auf den Punkt gebracht, etwa wenn Freitag vor dem „gigantischen Gänsebraten“ seiner Eltern flieht, um sich nicht strafbar zu machen. Angeregt wurde Theresa Hannig zu ihrem Werk durch jüngste Entwicklungen in unserer Gesellschaft, wie die verschärften Polizeigesetze in einigen Bundesländern. „Die Unschuldsvermutung wird umgekehrt.“ Bedenklich findet sie auch die grundlose Überwachung von Handys: „Ein ‚Staatstrojaner‘ bedeutet doch, dass der Staat kein Interesse mehr daran hat, die Sicherheit in der Informationstechnologie zu gewährleisten.“