Interview mit Pfarrer Roland Winkelmann „Das Misstrauen tut weh“

Duisburg · Missbrauchsskandale, Priestermangel, Kirchenschließungen und -austritte: Es sind schwierige Zeiten für den Duisburger Stadtdechanten.

 Stadtdechant Roland Winkelmann in der katholischen Kirche an der Münchener Straße in Buchholz.

Stadtdechant Roland Winkelmann in der katholischen Kirche an der Münchener Straße in Buchholz.

Foto: Christoph Reichwein (crei)

Sie wurden 1964 in Duisburg-Laar geboren, studierten in Bochum und Trier Theologie und wurden 1990 zum Priester geweiht. Was hat Sie motiviert, Priester zu werden?

Roland Winkelmann Ich bin in einem katholischen Milieu aufgewachsen, habe mich in der Jugendarbeit engagiert. Religiös geprägt hat mich als Jugendlicher vor allem mein damaliger Pfarrer Heinz Thönnessen. Der hatte mal in Brasilien gearbeitet und brachte etwas vom brasilianischen Religionsverständnis mit.  Er stand für eine Kirche, die nicht nur auf die Hauptamtlichen konzentriert war. Er  wollte eine mitsorgende Gemeinde und keine bloß versorgte. Er strahlte eine erfrischende Begeisterung für den Glauben aus. Das alles hat mich motiviert, Priester zu werden.

Sie sind jetzt Pfarrer der Pfarrei St. Judas Thaddäus im Duisburger Süden und seit knapp zwei Jahren Stadtdechant und damit Repräsentant der katholischen Kirche in Duisburg. Haben Sie bei Ihrer Priesterweihe vor 30 Jahren geahnt, was auf Sie zukommt?

Winkelmann Nein, die Entwicklung hatte sich damals noch nicht so abgezeichnet. Dass es Veränderungen geben würde, konnte man zwar ahnen, aber mit einem solchen Wandel habe ich nicht gerechnet.Ich gehörte zum letzten Jahrgang von Neupriestern, die noch in zweistelliger Zahl, wenn auch nur knapp, wir waren zehn, geweiht wurden. Heute werden jährlich maximal nur zwei Neupriester im Bistum geweiht. Damals gab es für fast jeden Ort noch einen eigenen Pastor. Ich hatte 1990 auch gedacht, dass ich als Pastor nur für eine Gemeinde zuständig sein würde, mit der ich zusammen das Kirchenjahr erlebe. Heute gibt es im Duisburger Süden, wo früher 13 Priester als Seelsorger arbeiteten, nur noch drei Priester. 1990 war an Kirchenschließungen in Duisburg nicht zu denken; heute sind sie unvermeidlich. Das Bistum musste die Notbremse ziehen.

Viele engagierte Katholiken wollen Kirchenschließungen nicht einfach hinnehmen. In Serm hat sich ein Förderkreis gebildet, der für den Erhalt der Sermer Kirche kämpft. Wie sehen Sie solche Initiativen?

Winkelmann Ich kann sehr gut verstehen, wenn die Gläubigen für ihre Kirche im Ort kämpfen. Schließlich hängt bei vielen das Herz an ihrer Kirche, auch wenn der Kopf ihnen sagt, dass das Kirchengebäude aus finanziellen und personellen Gründen dauerhaft nicht zu halten ist. Ich kann da eigentlich nur trösten und mich dafür einsetzen, dass beispielsweise Fahrdienste angeboten werden, damit diejenigen, die nicht so mobil sind, einen Gottesdienst in einer anderen Kirche besuchen können. Wichtig ist mir auch, dass für neue Gemeindemitglieder eine Willkommenskultur selbstverständlich wird. Beim Beispiel Serm bin ich aber durchaus optimistisch, dass der Förderkreis der Gemeinde sein Ziel erreicht und die Kirche vorerst erhalten bleibt. Es ist sehr sympathisch, dass diese Initiative aus der Gemeinde selber kommt.

Die Zahl der Christen geht in Duisburg immer mehr zurück. Sie selber haben berichtet, dass sich nur noch 55 Prozent der Duisburger zu einer christlichen Kirche bekennen. Wie interpretieren Sie das?

Winkelmann Die Zahlen sind nicht wegzudiskutieren und durchaus alarmierend. Früher gab es meiner Meinung nach viele „Gewohnheitschristen“, heute bekennen sich immer mehr Menschen nur noch dann zu einer Kirche, wenn sie wirklich überzeugt sind. Die Chance ist, dass die christlichen Gemeinden zwar kleiner werden, dass in den Gemeinden aber mit mehr Überzeugung christliches Miteinander gepflegt wird. Da sind Gemeinden, in denen die Gläubigen selber aktiv sind, besonders gefragt.

In den vergangenen Jahren wurde die katholische Kirche durch mehrere Missbrauchsskandale überschattet. Spüren Sie davon etwas bei ihrer Arbeit?

Winkelmann Schwer zu sagen. Aber als Mitglied in der Kirche und als Pfarrer machen mich diese Missbrauchsfälle und auch der Versuch ihrer Vertuschung bis auf Bischofsebene fassungslos. Mir tut auch das Misstrauen, dass uns Priestern bisweilen pauschal entgegengebracht wird, weh. Ich bin deshalb vielleicht noch zurückhaltender als es vielleicht angebracht ist, wenn ich beispielsweise Kindergärten besuche und die Kinder in ihrer Unbefangenheit zu mir kommen. Gleichwohl merke ich, dass mir hier in der Gemeinde immer noch viel Vertrauen geschenkt wird. Das ist wichtig, denn nur so können wir als  Pastor und Seelsorger wirklich Dienst tun. Wichtig und gut finde ich auch, wie unser Bischof Overbeck mit dem Missbrauchsskandal umgeht: Da wird alles beim Namen genannt, nichts wird vertuscht, und es werden auch die nötigen Konsequenzen gegen diejenigen gezogen, die sich schuldig gemacht haben.

Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort