Duisburg: Schicksal einer jüdischen Familie

Vortrag im Stadtarchiv : Briefe als bewegende Dokumente

Bernd Schminnes, Leiter des Niederrheinischen Büros für Geschichte, berichtete im Stadtarchiv über die jüdische Familie Katz während des „Dritten Reiches“. Der Vortrag fand im Rahmen der Ausstellung „Deportiert ins Ghetto“ statt.

Das Interesse am Schicksal der Familie Katz war beachtlich. Die Reihen im Vortragssaal des Stadtarchivs waren gut gefüllt, als Bernd Schminnes, der Leiter des Niederrheinischen Büros für Geschichte, über das Leben der jüdischen Familie aus Essen während der Zeit des „Dritten Reiches“ berichtete. Sein Referat stand unter der Überschrift „Warum sind sie denn nicht geflohen?“. Warum das für viele jüdische Familien in der Nazi-Zeit mit fortschreitender Zeit unmöglich wurde, schilderte der Historiker am Beispiel des Ehepaars Aenne und Emil Katz und ihrer einzigen Tochter Anneliese.

Wo die Familie in Essen gelebt hat, ist heute noch gut nachvollziehbar. Vor ihrem früheren Haus an der Brunnenstraße im Essener Süden erinnert ein „Stolperstein“ an die Familie, bei der nur Tochter Anneliese von der Vernichtung durch die Nationalsozialisten verschont blieb. Hatte die Familie Katz nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten noch eine abwartende Haltung bezüglich einer Auswanderung eingenommen, so wurde die Lage nach den Novemberpogromen im Jahr 1938 immer kritischer.

Seine kleine Firma wurde Emil Katz im Zuge der „Arisierung“ genommen, der finanzielle Ausgleich dafür war eher gering, im Allgemeinen spricht man bei der erzwungenen Aufgabe von jüdischen Unternehmen durch die Nazis durchaus von „Raub“. Für den Lebensunterhalt musste von diesem Zeitpunkt an Ehefrau Aenne sorgen. Als die Lage immer bedrohlicher wurde, eine Steigerung war nach dem „Anschluss“ Österreichs noch einmal in starkem Maße spürbar, entschlossen sich die Eltern der 13-Jährigen, ihre Tochter mit einem der zahlreichen Kindertransporte zu einer Tante nach England zu schicken, die für ihren Aufenthalt bürgte.

Mehr als 10.000 Kinder wurden auf diese Weise von ihren Familien in Sicherheit gebracht, die Eltern blieben in Deutschland zurück. Auch Emil Katz und seine Frau hofften, Deutschland doch noch verlassen zu können. Mit schwindender Hoffnung und zunehmender Verzweiflung flehten sie sogar ihre minderjährige Tochter an, sich für sie in England einzusetzen. Auch die Ausreise in die USA und andere Länder wurde in Betracht gezogen, doch es war zu diesem Zeitpunkt so gut wie unmöglich, ein Visum für ein Aufnahmeland zu bekommen. Mögliche Aufnahmeländer reduzierten ihre Einwanderungsquoten stark und erschwerten Bürgschaften.

Emil und Aenne Katz gelang es nicht mehr, Deutschland zu verlassen. Das Essener Ehepaar wurde 1941 ins Ghetto Litzmannstadt (Lodz) deportiert, nach kurzer Zeit wurden beide im Vernichtungslager Kulmhof umgebracht, ohne ihre Tochter jemals wiedergesehen zu haben.

Bernd Schminnes rekonstruierte die Geschichte der Familie Katz im Auftrag der früheren Gedenkstätte „Alte Synagoge“ in Essen. Grundlage war der umfangreiche Briefverkehr zwischen den in Deutschland zurückgebliebenen Eltern und ihrer in England lebenden Tochter. Die Briefe sind im „United States Holocaust Memorial Museum“ in Washington als wichtige Zeitdokumente aufbewahrt. Anne Ranasinghe, wie sie nach ihrer Heirat mit einem Medizinprofessor aus Sri Lanka hieß, stellte die Briefe der Essener Gedenkstätte zur Auswertung zur Verfügung. Mit ihrem Ehemann ging sie später in dessen Heimatland zurück, lebte in Colombo und wurde dort zu einer bedeutenden Schriftstellerin. Sie engagierte sich in ihrem neuen Heimatland zudem viele Jahre für Amnesty International. Anne Ranasinghe verstarb dort im Jahr 2016.

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