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Duisburg: Programm "Kurve kriegen" betreut kriminelle Jugendliche

Jugendkriminalität in Duisburg : „Wir wollen motivieren, nicht bestrafen“

Die Polizeibeamten und Pädagogen der Initiative „Kurve kriegen“ versuchen gefährdete Jugendliche davor zu bewahren, sogenannte Intensivtäter zu werden. 140 junge Duisburger haben das Programm inzwischen durchlaufen.

Duisburg ist beim Kampf gegen Jugendkriminalität auf einem guten Weg. Im Jahr 2019 ermittelte die Polizei weniger Tatverdächtige und deutlich weniger Straftaten von Duisburgern im Alter von unter 21 Jahren als noch in den Jahren zuvor. Das geht aus dem Kriminalitätsbericht der Duisburger Polizei für das Jahr 2019 hervor. Das Problem: Die Gesamtzahl der von Jugendlichen begangenen Straftaten ist mit 4603 noch immer hoch. Außerdem finden sich bereits in diesem Altersspektrum viele Mehrfach- und Intensivtäter. So sind der Polizei zufolge zwischen sechs und zehn Prozent aller Tatverdächtigen Kinder im Alter zwischen acht und 15 Jahren für bis zu 50 Prozent der Delikte in dieser Altersgruppe verantwortlich. Die Polizei versucht dieser Entwicklung zum einem mit einem Intensivtäterprogramm, zum anderen mit der Initiative „Kurve kriegen“ zu begegnen. Für letztere stellte die Duisburger Polizei nun eine beeindruckende Bilanz vor.

Demnach gelten etwa zwei Drittel aller Jugendlichen, die die Initiative „Kurve kriegen“ durchlaufen haben als sogenannte Absolventen, was bedeutet, dass sie das Programm nach Einschätzung der verantwortlichen Sozialpädagogen erfolgreich durchlaufen haben. Seit Beginn der Initiative im Jahr 2011 haben insgesamt rund 140 Kinder und Jugendliche – vor allem im Alter zwischen acht und 15 Jahren – das Programm absolviert.

„Kurve kriegen“ ist eine Kooperation von Stadt, Jugendamt und Polizei und setzt dort an, wo andere beginnen aufzugeben. „Nicht jeder jugendliche Straftäter kommt direkt für ‚Kurve kriegen’ infrage“, sagt Jürgen Bialon, Leiter der Kriminalprävention der Duisburger Polizei. „Es muss für uns absehbar sein, dass dort jemand ist, der abzurutschen droht. ,Kurve kriegen’ setzt dort an. Wir versuchen, dieses Abrutschen noch zu verhindern und die Jugendlichen abzuholen, bevor aus ihnen Intensivtäter werden.“

Thorsten Meldau, Polizeilicher Ansprechpartner bei der Initiative, wird da noch etwas konkreter. „Drei Eigentumsdelikte, eine Gewalttat“, sagt er, „das deutet dann schon darauf hin, dass da jemand ist, bei dem wir mal genauer hinsehen sollten.“

Dieses genauere Hinsehen übernehmen pädagogische Fachkräfte wie Markus Witalinski. „Wir gehen auf die Familien zu und erklären, was wir machen. In 95 Prozent der Fälle sind die Eltern dankbar und bereit, uns zu unterstützen.“ Dann schaue er sich das Wohnumfeld und das Freizeitverhalten des Jugendlichen an. „Das machen wir, um herauszukriegen, wo vielleicht das Problem liegen könnte. Sind es schlechte Vorbilder? Freunde? Langweilt sich der Jugendliche vielleicht, weil er ständig die Schule schwänzt? Und wenn wir dann einen Plan haben, versuchen wir gemeinsam mit dem Jugendlichen etwas an der Situation zu ändern.“

Entscheidend sei, dass das Programm auf dem Prinzip der Freiwilligkeit fuße, sagt Witalinski. Die Jugendlichen würden von niemandem verpflichtet, mitzumachen. Das sei ganz wichtig, weil es bedeute, dass die, die sich überzeugen ließen, mitzumachen, es dann auch häufig ernst meinen würden. „Häufig ist da natürlich etwas Überzeugungsarbeit nötig“, sagt der Pädagoge. „Aber bei den meisten reiche es schon, ihnen klar zu machen, dass sie irgendwann im Gefängnis landen werden, wenn sie so weitermachen.“

Durchschnittlich sind die Jugendlichen über 20 Monate Teil des Programms. Während dieser Zeit stehen ihnen die Pädagogen ständig als Ansprechpartner zur Verfügung. Sie erarbeiten Pläne und helfen den Teilnehmern nach Möglichkeit dabei, sie umzusetzen. Außerdem sind sie einfach da, hören zu, zeigen Alternativen und Lösungen auf, wo die Jugendlichen alleine vielleicht gar keine (legalen) mehr gesehen hätten. Bei Bedarf können sie auch Coachings vermitteln oder das Jugendamt um Hilfe bitten. „Die Arbeit basiert auf gegenseitigem Vertrauen“, sagt Markus Witalinski. „Das ist wichtig. Nur so kann man Erfolge erzielen.“

Ob sie erfolgreich sind, ist für die Witalinski und seine Kollegen vergleichsweise leicht zu ermessen. „Wenn Anzeigen über längere Zeit ausbleiben, ist das schon immer ein gutes Signal“, sagt der Pädagoge. „Das alleine reicht aber nicht aus. Der Gesamteindruck muss ebenfalls passen. Es kann immer sein, dass sich jemand über einen gewissen Zeitraum einfach nicht hat erwischen lassen.“

Natürlich gibt es auch Fälle, die Markus Witalinski und seine Kollegen nicht in den Griff bekommen. „Wenn sich nach mehreren Warnungen nichts bessert, müssen wir auch schon mal Jugendliche ausschließen“, sagt der Pädagoge. „Die könnten dann schon ein Fall für das Intensivtäter-Programm sein. Und das und ,Kurve kriegen’ schließen sich aus.“