Duisburg: Prof. Dr. Okko Herlyn schrieb Buch über die Zehn Gebote

Interview Okko Herlyn : Verstehen, was wir tun können

Der ehemalige Duisburger Gemeindepfarrer und Professor schrieb ein Buch über die Zehn Gebote.

Sein Buch „Was ist eigentlich evangelisch?“ erwies sich als eines der erfolgreichsten theologischen Bücher der vergangenen Jahre. Diesem Bestseller folgte kürzlich ein Buch über das „Vaterunser“. Nun veröffentlichte Okko Herlyn, einst Gemeindepfarrer in Wanheim, später dann Theologieprofessor in Bochum, ein Buch, das sich ebenfalls mit einem Kernthema der Religion beschäftigt: Die Zehn Gebote. Herlyn nimmt jedes Gebot unter die Lupe, wobei er stets mit konkreten Beispielen aus dem Alltag beginnt, die jeder nachvollziehen kann. Es folgt eine fundierte, aber immer allgemeinverständliche theologische Auseinandersetzung, die zeigt, dass die Zehn Gebote tatsächlich in unsere Gegenwart gehören. Wie auch in seinen anderen Büchern schreibt Okko Herlyn, der auch als Kabarettist bekannt ist, mit leichter Hand und bisweilen überraschenden Wendungen, ohne dass er die theologische Substanz aus dem Blick verliert. Die RP hat den promovierten Theologen, der in Duisburg lebt und hier auch regelmäßig predigt, zum Interview in die Redaktion eingeladen.

Gab es für Sie einen konkreten Anlass, sich mit den Zehn Geboten zu beschäftigen?

Herlyn Es war vor allem ein eklatanter Widerspruch, den ich schon seit langem wahrnehme. Einerseits wird allenthalben die angeblich große Bedeutung der Zehn Gebote behauptet, auch für unsere Gesellschaft. Andererseits kennt sie kaum einer wirklich. Dieser Widerspruch hat mich herausgefordert.

Sie sehen die Zehn Gebote in einem Zusammenhang mit dem Freiheitsbegriff. Das wirkt auf den ersten Blick überraschend, versteht man Gebote doch zunächst als Einschränkung. Wie sehen Sie das?

Herlyn Von den Zehn Geboten sind – rein grammatisch – in der Tat acht Verbote. Das scheint einschränkend. Aber was ist an einem Verbot eigentlich so schlimm? Unsere ganze Rechtsordnung besteht zu großen Teilen aus nichts anderem als Verboten. Zum Glück. Verbote können ja auch schützen. Im Hinblick auf die Zehn Gebote würde ich deshalb eher von heilsamen Grenzen sprechen, die ein gedeihliches Miteinander überhaupt erst ermöglichen.

Und was hat das alles mit Freiheit zu tun?

Herlyn Das hängt mit dem Selbstverständnis der Zehn Gebote zusammen. Sie werden ja eingeleitet mit der Erinnerung an die Befreiung des Volkes Israel aus der ägyptischen Knechtschaft. Es wäre ja völlig absurd, die nun folgenden Gebote als Einweisung in eine neue, nämlich moralische Knechtschaft miss zu verstehen. Leider ist das in der Geschichte der Christenheit immer wieder so geschehen – bis in die Erziehung hinein. Die Zehn Gebote wollen aber von sich aus eine Wegweisung in die Freiheit sein. Nur so ist es überhaupt nachvollziehbar, dass sie in der Bibel häufig in den höchsten Tönen gelobt werden.

Sie greifen auf überraschende Quellen zurück. Gleich am Anfang auf Heino und die einstige Illustrierte „Quick“. Wie sind Sie auf diese Zitate gestoßen, haben Sie einen Zettelkasten für Kurioses?

Herlyn Ja, in der Tat. Immer, wenn mir etwas Interessantes oder Skurriles begegnet, das ich vielleicht einmal verwenden könnte, mache ich mir Notizen. Das kann ein Zitat aus einem Roman, die Interview-Äußerung eines Fußballers oder eine Zeile aus einem Schlager sein. Manch ein steiler theologischer Gedanke kann dadurch sozusagen „geerdet“ werden.

Bei Ihrer Studie zum 7. Gebot, du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, haben Sie mich schockiert, als Sie Rudolf Höß, den Leiter des Vernichtungslagers Auschwitz, zu Wort kommen lassen. Warum taten Sie das?

Herlyn Mich haben die Äußerungen von Rudolf Höß auch schockiert. Sie stammen aus seinen autobiographischen Aufzeichnungen kurz vor seiner Hinrichtung im April 1947. Ein einziger Versuch der Selbstrechtfertigung mit Hinweis auf den angeblichen Befehlsnotstand. Schockierend ist hier vor allem, dass Höß seinen eigenen Kadavergehorsam u. a. mit seiner überaus strengen christlichen Erziehung begründet, in der ihm beigebracht wurde, nicht nur den Eltern, sondern allen Vorgesetzten gegenüber blinden, absoluten Gehorsam zu leisten. Es gehört zur Schuldgeschichte des Christentums, dass die Missdeutung des Elterngebots einem solch schlimmen Missbrauch Vorschub geleistet hat.

Gibt es ein Gebot, das Sie für unterschätzt halten?

Herlyn Vor allem das Bilderverbot. Was manche als eine „reformierte Marotte“ abtun, könnte sich in Zeiten moderner Bilderfluten und ihrer Macht noch als sehr befreiend herausstellen. Wir machen uns ja inzwischen von allem und jedem Bilder: Weltbilder, Frauen- und Männerbilder, Gottesbilder. Dabei geraten wir in die Gefahr, unser selbstgemachtes Bild auch gleich schon für die „Sache“ zu halten. Mein Gottesbild z. B. kann aber Gott durchaus verfehlen. Ebenso, wie mein Bild von einem Menschen diesem nicht gerecht werden kann. Wohin solche Vorurteile führen, erleben wir täglich in verheerender Weise.

Thomas Mann bezeichnete in seiner Novelle „Das Gesetz“, die im Zusammenhang mit den Josephs-Romanen entstand, die Zehn Gebote als „Quintessenz des Menschenanstands“. Gefällt Ihnen diese Formulierung auch in Hinblick auf die gegenwärtige Gesellschaft, die sich nur teilweise auf das Christen- und Judentum beruft?

Herlyn Diese Formulierung Thomas Manns halte ich allenfalls für die halbe Wahrheit. Gewiss ist es richtig, dass sich in den Zehn Geboten etliche Lebensweisheiten bündeln, wie wir sie auch aus anderen Religionen, Philosophien und Weltanschauungen kennen. Für den jüdischen und christlichen Glauben steht hinter den Geboten allerdings noch einmal eine andere Autorität, nämlich der Wille Gottes. Das verleiht ihnen eine tiefere Verbindlichkeit. Aber sicher wäre für unsere Gesellschaft schon eine Menge gewonnen, würde sie die Zehn Gebote wenigstens als „allgemeingültige Werte“, als die sie z. B. der Schlagersänger Heino bezeichnet hat, beherzigen.

Ihre Bücher sind ja inzwischen enorm erfolgreich. Wie erklären Sie sich das?

Herlyn Ich erkenne in der großen Resonanz vor allem einen deutlichen Bedarf an solider, aber gleichzeitig verständlicher Glaubensinformation und ihrer aktuellen Bedeutung für heute. Darüber hinaus mag auch der unterhaltsame Stil, den ich bewusst wähle, das Seine dazutun. Ich will deshalb nicht ausschließen, dass nach den beiden Büchern über das Vaterunser und die Zehn Gebote in absehbarer Zeit noch eins über das dritte „Hauptstück des Glaubens“, wie Luther das genannt hat, folgen wird: das Glaubensbekenntnis.

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