Duisburg: "Problemhaus"-Bewohner auf Wohnungssuche

Duisburg: "Problemhaus"-Bewohner bei Wohnungssuche auf sich gestellt

Bis Ende des Monats müssen alle noch verbleibenden Bewohner des Hochhauses In den Peschen in Duisburg-Bergheim in neue Wohnungen gezogen sein. Das hat die Stadt Duisburg verfügt. Die Stadt selbst vermittelt keine Wohnungen an die Roma-Familien. Insgesamt gibt es in der Stadt 50 Immobilien mit ähnlichen Problemen.

Kurz, nachdem vor einem Monat die Stadtwerke auf Veranlassung von Hausbesitzer Branko Barisic die Strom- und Gaszufuhr in dem sogenannten Problemhaus In den Peschen abgestellt hatten, sah sich eine "Task Force", bestehend aus Vertretern von Sozial-, Gesundheits-, Jugend-, Ordnungs- und Bauordnungsamt, die Situation vor Ort an. Das, was sie in den 47 Wohnungen gesehen hätten, sei "unfassbar", sagt Stadtsprecherin Anja Kopka. Sie spricht von Fäkalien in den leerstehenden Wohnungen, Ungeziefer, Feuchtigkeit, Schimmel, herausgebrochenen Balkontüren, lebensgefährlichen Stromverkabelungen. Wenn jetzt auch noch das Wasser abgestellt werde, so wie der Hausbesitzer es angekündigt habe, sei das in Sachen Hygiene "eine erhebliche Gefährdung der Bewohner", sagt Sozialamtsleiterin Andrea Bestgen-Schneebeck. Man habe den Hausbesitzer auf die Missstände hingewiesen, dieser habe sich aber geweigert, sie zu beheben.

Deshalb hat die Stadt Duisburg das Hochhaus In den Peschen in Bergheim jetzt für unbewohnbar erklärt. Bis zum 31. Juli müssen die rund 100 Rumänen, die dort noch leben, ausgezogen sein. Die Stadt beruft sich auf das neue Wohnungsaufsichtsgesetz, das im April im Landtag verabschiedet wurde.

Neuvermietung unwahrscheinlich

Nachbarin Alexandra G. (29) mit Tochter Jana (6) vor dem Hochhaus In den Peschen. Janas Schule wurde so gewählt, dass sie dort nicht vorbeigehen muss. Foto: Christoph Reichwein (crei)

Den Einwand, dass Hausbesitzer Barisic jetzt sein Ziel, das Haus leerzuziehen, um es dann neu zu vermieten, mit freundlicher Unterstützung der Stadt erreiche, weist Thomas Freitag, stellvertretender Leiter des Ordnungsamtes, entschieden zurück: "Er muss da viel Geld reinstecken, um wieder zu vermieten. Und die Stadt muss die Renovierung dann abnehmen", sagt er. Von einer siebenstelligen Summe geht die Stadt aus, um das Haus wieder bewohnbar zu machen. Eine Neuvermietung werde in absehbarer Zeit nicht erfolgen können, war man sich am Mittwoch bei der Stadt sicher.

Zwei Wochen für die Wohnungssuche

Zwei Wochen haben die Bewohner des Hauses nun Zeit, sich eine neue Bleibe zu suchen. Man habe sich bewusst für eine lange Frist entschieden, um den Familien die Möglichkeit zu bieten, eine neue Bleibe zu finden. Das Wort "Zwangsräumung", das am Ende dieser Frist wohl droht, will derzeit noch niemand in den Mund nehmen. "Wir werden das jetzt genau beobachten", sagt Bestgen-Schneebeck. "Wir gehen aber davon aus, dass sich die Bewohner selbst versorgen. 10.000 leerstehende Wohnungen gibt es in Duisburg. Jeder kann eine Wohnung finden." Sollten die Wohnungen bis zum 31. Juli nicht leer sein, müsse man über Notmaßnahmen nachdenken, die am Mittwoch niemand genau benennen wollte.

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Rumänen müssen sich selbst Wohnungen suchen

Spezielle Hilfestellungen bei der Wohnungssuche von Seiten der Stadt leisten laut Stadtsprecherin Kopka die Sozialarbeiter des Vereins ZOF (ZukunftsOrientierteFörderung), die vom Jugendamt finanziert werden. Und auch Dieter Herberth, Pfarrer der Rheinhauser Christuskirchengemeinde, der das Projekt "Roma-Scouts" ins Leben gerufen hat, hat Bestgen-Schneebeck am Mittwochnachmittag im persönlichen Gespräch Hilfe angeboten. "Wir betreuen derzeit neun Roma-Familien, zwei davon leben im Hochhaus In den Peschen", sagt er. Er sei zuversichtlich, dass diese beiden Familien mit Unterstützung der Scouts schnell eine Wohnung finden, denn sie hätten die besten Voraussetzungen: "Die Kinder gehen hier zur Schule und sind gut integriert; die Männer besuchen den von uns initiierten VHS-Kursus Deutsch." Das neue Wohnungsaufsichtsgesetz und dessen Anwendung durch die Stadt findet Herberth richtig: "Das ist ganz wichtig, besonders im Hinblick auf solche Vermieter von Schrottimmobilien", sagt er.

Eine Verlagerung der Problems auf einen neuen Standort sehen die Mitglieder der Task Force nicht. Durch die eigenständige Wohnungssuche sei es unwahrscheinlich, dass alle Familien weiter beieinander leben. Zudem sei unklar, ob die Familien tatsächlich in Duisburg bleiben, oder in andere Städte umziehen. Schließlich sei es den Roma-Familien freigestellt, wo sie leben, sagte Bestgen-Schneebeck.

Erleichterung bei den Anwohnern

Erleichterung über den baldigen Leerstand des Hauses, das in den vergangenen Jahren immer wieder für Schlagzeilen sorgte, wollte sich gestern bei den Anwohnern in der Nachbarschaft noch nicht richtig einstellen. Zu oft seien sie vertröstet worden, sagen sie. Gabriele S. (58) glaubt erst an Ruhe in der Gegend, wenn der letzte Mieter das Haus verlassen hat. Regelmäßig hätte sie - wie auch andere Nachbarn - in der Vergangenheit Polizei und Ordnungsamt alarmiert. "Es dringt Urin- und Kotgeruch aus dem Gebäude. Überall am Haus ist Schimmel sichtbar", sagt Hans-Wilhelm Halle (66). Seit mehr als 33 Jahren wohnt er in der Gegend. Was er in den vergangenen zwei Jahren erlebt habe, sei unfassbar. "Essensreste werden über den Balkon entsorgt, Möbel fliegen aus dem achten Stock", erzählt er. Und der Müll liege nicht nur am Haus selbst, auch die Seitenstraßen, Wege und Gebüsche seien verdreckt. "Auf dem Weg zum Volkspark werden menschliche Fäkalien hinterlassen", sagt Gabriele S. Anwohner Lothar Honzelder (62) verscheucht regelmäßig Ratten von seinem Balkon und sieht die Ursache in dem Unrat des Problemhauses.

Sie alle äußerten am Mittwoch den Wunsch, das Hochhaus einfach abzureißen. Dann herrsche endlich Ruhe im Viertel.

(apd)
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