Duisburg: Poesie- und Liederabend im Stadttheater

Poesie- und Liederabend : Kunstabend zeigt die Nacht mit all ihren Facetten

Ein bemerkenswereer Poesie- und Liederabend fand hinter der Bühne im großen Haus des Stadttheaters statt. Eine Wiederholung gibt es am 29. September.

Schon der Aufführungsort deutet auf das übergreifende Thema des Poesie- und Liederabends im Stadttheater. „Farben einer Nacht“, von und mit Jörg Maria Welke, findet hinter der Bühne des großen Hauses statt, im schummrigen Zwielicht zwischen Hebebühnen, Requisiten und einer Menge Technik. Die Nacht mit all ihren Facetten beleuchtet das – mit Blick auf seine Form – schwer fassbare Stück von Welke. Klassische, aber auch moderne Lieder, hervorragend arrangiert von Dirk Wedmann für ein ungewöhnliches Ensemble, wechseln sich mit freier Poesie rund um das Thema „Nacht“ ab.

Mit einer martialisch-chaotischen Version von Japans „Nightporter“ für Klavier, Streichquintett, Harfe, Englischhorn und Akkordeon eröffnen die Musiker den Abend, dann treten die Rezitatoren Jörg Maria Welke und Veronika Maruhn zum ersten Mal auf. Da geht es zum Beispiel um die philosophische Entstehung von Tag und Nacht, und das „existentielle Wogen“, das uns Menschen seit jeher begleitet.

Mezzosopranistin Boshana Milkov singt dann über den ganzen Abend verteilt klassische und moderne Lieder zwischen den Rezitationen der beiden Sprecher. Einmal mehr beeindrucken dabei die geschmackvollen Arrangements, die auch das, aus Ensemblesicht, schwierig zu integrierende Instrument Akkordeon passend in die teils stark verfremdeten Versionen der Songs einbindet. Alle musikalischen Einwürfe sind sehr träumerisch, oft vage und im Ansatz formlos, eben passend zum Thema der Nacht, deren Unwirklichkeit auch von Jörg Maria Welke und Veronika Maruhn aufgegriffen werden.

Dabei geht es meistens sehr philosophisch zu, nach einer Ausführung zu allerhand Mond-Aberglauben erklärt Welkes Charakter zum Beispiel, dass ihn an der Dämmerung besonders ihre Flüchtigkeit fasziniert. Überhaupt sind die Charakter, oder Nicht-Charakter, der Sprecher ein interessanter Aspekt des Stücks. Wer oder was da spricht, ob die Einwürfe autobiographisch oder frei erfunden sind, wird nie klar. Klar ist aber, dass sich die Erzählungen auf reale Erlebnisse stützen, die sicher jedem in der einen oder anderen Form schon einmal begegnet sind.

Wie eine zweischneidige Hymne auf die Nacht erzählt der Charakter von Jörg Maria Welke zum Beispiel davon, wie schön die Nächte seien, in denen man „einfach nur“ lese. Im Gegensatz allerdings, erwidert seine Partnerin, zu den Nächten, „vor denen man tagsüber schon Angst hat.“ Immer wieder gibt es auch Wortassoziationen mit oder zum Thema „Nacht“, die oft auch weit über das eigentliche Themenfeld hinausgehen. Warum denn so viel Sex im dunkeln stattfinde, überlegen die Charakter, vielleicht weil sich die Menschen schämen, ihren Körper zu zeigen? „Angstfrei leben“, heißt es dann als nächstes, „das muss unglaublich sein.“

Die „Farben einer Nacht“ sind unübersichtlich, und das macht ihren Reiz aus. Abstrakte Musik, abstrakte Wortbeiträge, keine klar erkennbare Struktur: Wie die Nacht lebt auch der Kunstabend von seiner formlosen Unbegreiflichkeit, kein Unterhaltungsabend, aber ein Abend, um sich in jeder Hinsicht in den Schoß der Nacht fallen zu lassen. Wenn man nach der Vorstellung, die nächste und letzte findet am Sonntag, 29. September, um 18.30 Uhr statt, das Theater wieder verlässt, ist es nämlich schon dunkel.

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