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Duisburg: Motto der Akzente 2020 heißt Glück

Thema lädt zum Philosophieren ein : „Glück“ heißt das Motto der Duisburger Akzente 2020

Nach den „Utopien“ in 2019 haben die traditionsreichen Duisburger Kulturwochen auch im kommenden Jahr ein sehr offenes Thema, das zum Philosophieren einlädt.

Es sind nicht gerade „glückliche Tage“, um den durchaus zynischen Titel des Theaterstücks von Samuel Beckett zu zitieren, die man zurzeit im Kulturbereich erlebt. In Duisburg kann man noch nicht abschätzen, wie lange es dauern wird, bis das Stadttheater wieder bespielt werden kann, nachdem die Bühne und die Bühnentechnik durch die nicht zu stoppende Sprinkleranlage geflutet wurde. Gleichwohl steht das Motto der Akzente 2020 fest. Es besteht nur aus einem Wort: „Glück“.

Zunächst ist man überrascht darüber, dass ein solches Thema in der nunmehr 40-jährigen Akzente-Geschichte noch nicht aufgegriffen wurde – im Gegensatz zum diesjährigen Utopie-Motto, das schon im Jahr 1997 in der Überschrift „Schöne Aussichten. Träume, Visionen, Utopien“  anklang. Auch die sogenannten Orwell-Akzente  („1984 – Ist die Zukunft noch zu retten?“) nahmen bereits die (utopische) Zukunft ins Visier. Und die Akzente im Jahr 2018 „Nie wieder Krieg“ hatten 1982 einen Vorläufer mit dem Motto „Eine Taube macht noch keinen Frieden“.

Das Thema „Glück“ ist also erstaunlicherweise neu bei den Akzenten. Wie immer kommt es darauf an, was man mit einem solch offenen Motto macht, über das sich trefflich philosophieren lässt. Da kann man bereits bei Aristoteles (384 bis 322 vor Christus) anfangen, der Glückseligkeit als das „vollkommene und selbstgenügsame Gut und als Endziel des Handelns“ bezeichnete. Grundsätzlich kann man den Begriff Glück grundsätzlich auf zwei Weisen deuten, nämlich im Sinne von „glücklich sein“ und „Glück haben“. Im Englischen gibt es dafür auch zwei verschiedene Worte, nämlich „happiness“ und „luck“. Der Dichter und Theatermann Franz Dingelstedt (1814 bis 1881) wählte für sich selber einen melancholisch anmutenden Grabspruch, der den Unterschied klarmacht: „Er hat im Leben viel Glück gehabt. Und ist dennoch niemals glücklich gewesen.“

Dennoch wird man lebenspraktisch wohl sagen können, wie es der Gegenwartsphilosoph Otfried Höffe mal schön formuliert hat, „dass das Glück von der Göttin Fortuna, dem Glück haben, nicht ganz unabhängig ist“.

Kant, der als Pflicht-Ethiker dem unbeschwerten Glücksstreben gegenüber eine skeptische Haltung einnahm, verwies darauf, dass sich das Glück durch ein hohes Maß an Unbestimmtheit auszeichnet. Jeder möchte glücklich sein, doch worin dieses Glück genau besteht, lasse sich allgemein kaum sagen. Glück sei vorstellbar, aber dauerhaft wohl kaum erreichbar. Sigmund Freud wird mit dem resignativen Satz zitiert: „Die Absicht, dass der Mensch glücklich sei, ist im Plan der Schöpfung nicht enthalten.“

Einige englischsprachige Philosophen, die man dem Utilitarismus zurechnet und die nach der Nützlichkeit fragen, wollen das Glücksprinzip vom Individuellen ins Gesellschaftliche übertragen. So müsse der Staat mit seinen Maßnahmen bestrebt sein, das „größte Glück für die größte Zahl von Menschen“ möglich zu machen. Der englische Philosoph und Sozialreformer Jeremy Bentham (1748 bis 1832) wollte das „Gebäude der Glückseligkeit mit Recht und Vernunft errichten“. Er war sogar der Überzeugung, dass man das Glück errechnen könne, indem man „Glücksquanten“ addiert. Dabei möchte er den Wert einer Menge von Freud und Leid gegeneinander aufrechnen. Kriterien sind dafür die Intensität, die Dauer, die Gewissheit oder Ungewissheit und die Nähe oder Ferne, die mit Freude oder Leid verbunden ist. Bentham nennt als Beispiele Sinnenfreude, Freuden des Reichtums, Freuden der Freundschaft oder Freuden der Einbildungskraft. Demgegenüber stehen die Leiden der Entbehrung, die Leiden der Feindschaft oder auch die gesellschaftlich fundierten Leiden. Benthams Rechnung sieht so aus: Man addiere die Werte aller Freuden auf der einen und die aller Leiden auf der anderen Seite. Wenn die Seite der Freude überwiegt, ist die Tendenz gut, überwiegt die Seite des Leids dann ist die Tendenz schlecht.

Karl Kraus zeigt sich auch als Pragmatiker, wenn er schreibt: „Ich verlange von einer Stadt, in der ich leben soll: Asphalt, Straßenspülung, Haustorschlüssel, Luftheizung, Warmwasserleitung. Gemütlich bin ich selbst.“ Wobei er vermutlich Gemütlichkeit mit Glück gleichsetzen würde. Gleichwohl verdient Benthams Streben, auf gesellschaftlich-politischer Ebene Glück zu fördern und Leid zu vermeiden, durchaus Beachtung. Es lohnt sich in diesem Zusammenhang auch auf Paul Watzlawicks Bestseller aus dem Jahr 1983 zu verweisen, der eine „Anleitung zum Unglücklichsein“ schrieb, wobei er genau das Gegenteil anstrebte.

Ob das Thema Glück bei den Duisburger Akzenten im nächsten Jahr glücklich umgesetzt werden kann, hängt vom Ideenreichtum der Macher, vom Budget, vom Angebot an Theatergastspielen und anderen Umständen ab, die nicht alle kontrolliert werden können. Immerhin könnte man versuchen, den ein oder anderen interessanten Philosophen als Gast einzuladen. Die Uni, die früher regelmäßig an den Akzenten beteiligt war, sollte sich da auch gefordert fühlen.