Duisburg: Mercator und John Dee in der Welt der Magie gefangen

Blütezeit der Astrologie: Zwischen Magie und Wissenschaft

Mercator und John Dee waren noch in der Welt der Magie gefangen, dennoch öffneten sie das Tor zur Wissenschaft.

Das 16. Jahrhundert war eine Blütezeit der Astrologie, die in enger Verbindung mit der Astronomie und Philosophie stand. In der Medizin der Renaissance ging fast nichts ohne Horoskope. Viele Humanisten, Wissenschaftler und Künstler waren fest überzeugt, dass ein System magischer Sterneneinflüsse die Politik und die Menschen beeinflusst. Mit Kopernikus (Erde dreht sich um die Sonne – nicht umgekehrt) begann eine wissenschaftliche Revolution, die eine produktive Spannung zwischen Magie und Wissenschaft erzeugte. Die Kirche zeigte sich dagegen empört. Der Vorwurf der Ketzerei traf in Zeiten der Reformation viele Gelehrte. Auch in Mercators Werk finden sich alle Spannungen, die der Geburt eines neuen Wissenschaftsverständnisses vorausgehen. Er befasste sich ebenfalls intensiv mit astrologischen Fragen und entwickelte eine Astro-Scheibe als Schulungsmaterial für Studenten.

Neben der Astrologie stand die Magie des Magnetismus im Mittelpunkt seines Interesses. Der große Kosmograph war noch dem ptolemäischen Weltbild (alles dreht sich um die Erde) verhaftet, aber zu seinen Verdiensten gehört die Bestimmung des Magnetpols in der Nähe des Nordpols. Damit stellte er sich gegen den mächtigen Klerus, der den magnetischen Norden hoch oben am Himmel verortet hatte. Mercator aber holte den Magnetpol aus den himmlischen Sphären herab auf die Erde.

Das war nicht ohne Risiko. Der Vorwurf der Ketzerei stand im Raum. Dabei hat die magnetische Wirkung auf den Kompass nichts mit Magie zu tun, sondern ist ein physikalisches Phänomen. Aber weder der Aufbau des Erdinneren und der Zusammenhang zwischen Magnetismus und Elektrizität standen den Gelehrten als Theorie zur Verfügung. Insofern erfüllte der Magnetberg, den Mercator in seine Nordpolkarte aufnahm, zumindest vorübergehend seine theoretische Funktion voll und ganz. Eine herausragende Leistung in einer Zeit der Mythen um den geheimnisumwitterten Magnetfelsen.

In der Moderne wurden neue Theorien entwickelt und überprüft. Die Geodynamo Theorie sagt in vereinfachter Form, dass das Magnetfeld durch die Bewegung des flüssigen Eisens im Erdinneren entsteht. Aktuelle Messungen zeigen: Der Magnetpol wandert rapide – eine bedrohliche Umkehr des Magnetfelds der Erde scheint möglich und zeigt der Menschheit Grenzen und Abhängigkeiten auf.

Mit seinem englischen Freund John Dee verband Mercator das Interesse für Navigation, Mathematik und den Weg nach Asien über die Nordpassagen, aber beide waren – wenn auch in unterschiedlichem Maße – davon überzeugt, dass die Gestirne bestimmte Ereignisse beeinflussen könnten. Der englischen Königin Elisabeth I. schrieb John Dee Horoskope, berechnete den günstigsten Termin für ihren Krönungstag und sagte den Sturm voraus, der die spanische Flotte vor England teilweise vernichtete. Die Trefferquote seiner Vorhersagen beeindruckte die Queen, aber auch Dee wurde von Neidern der Ketzerei verdächtigt. Der Glaube an den Einfluss der Gestirne war nicht nur am Hofe der Königin Elizabeth I. von England verbreitet. Kaiser Rudolf II. zeigte sich an alchemistischen Experimenten und okkulter Wissensvermittlung hoch interessiert. Führende Alchemisten wurden am kaiserlichen Hof in Prag empfangen – dem Zentrum der Alchemie und des Okkultismus.

Magnetberg am Nordpol, Umwandlung unedler Metalle in Gold, Okkultismus und der Einfluss der Gestirne passen nicht mehr in das Wissenschaftsgebäude des 21. Jahrhundert. Dabei wird aber vergessen, dass moderne wissenschaftliche Methoden wie Beobachtung und Experiment aus magischen Disziplinen, insbesondere der Alchemie und Astrologie, entstanden sind. Selbst der berühmte Physiker Isaac Newton suchte noch im 17. Jahrhundert nach dem Stein der Weisen, mit dem sich unedle Metalle in Gold verwandeln lassen sollten. Es besteht somit kein Grund, die genialen Leistungen Mercators durch seine Beschäftigung mit der Astrologie in einem anderen Licht zu betrachten.

Wissenschaftstheoretisches und theologisches Problembewusstseim beweist seine Aussage von 1551: „Selbst wenn jemand mit Possen gegen die astrologische Kunst argumentiert und ihrer spottet, so sollte er wissen, dass auch wir nicht übermäßig (von ihr) berührt sind, aber wir fänden es wünschenswert, wenn angemessene Grundlagen für die Studien dieser Dinge bereitgestellt würden“. Eine beeindruckende Reflexion. Auch die Antworten der heutigen Wissenschaft sind keineswegs endgültig, sondern vorläufig. Naturwissenschaft, Philosophie und Religion spiegeln nur unterschiedliche Perspektiven bei der Antwortsuche wider. Ob wir die Handlungsempfehlungen umsetzen wird die Zukunft zeigen.

Zum Weiterlesen: Astronomie versus Astrologie, Seite 178 ff: Dr. Friedrich Wilhelm Krücken, ehemaliger Leiter des Duisburger Mercator-Gymnasiums.

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