Duisburg: Martin Murrack im Interview zum Masterplan Digitalisierung

Serie Wirtschaft 4.0 : Murrack will Lücken im Breitbandausbau schnell schließen

In unserer Serie gehen Rheinische Post, RP Online und die Sparkasse Duisburg der Frage nach, wie digitale Prozesse Wirtschaft und Gesellschaft verändern. Heute dazu ein Interview mit Dezernent Martin Murrack.

In welchen sozialen Netzwerken waren Sie heute schon unterwegs?

Murrack Bei Facebook und Twitter. Ich habe zwar nicht aktiv gepostet, aber ich möchte schon wissen, was gerade so diskutiert wird.

Muss man das machen, wenn man Dezernent für Digitalisierung ist?

Murrack (lacht) Nein. Ich habe die sozialen Medien auch schon vor meiner Ernennung in Duisburg genutzt, Das mache ich schon seit einigen Jahren. Allerdings habe ich dabei auch schon immer zwischen Beruflichem und Privatem unterschieden und achte darauf, was ich auf diesem Weg kommuniziere.

Wie hat Ihr Umfeld eigentlich reagiert, als bekannt wurde, dass Sie als Dezernent ausgerechnet nach Duisburg gehen?

Murrack Das war absolut zweigeteilt. Meine Freunde und Bekannten aus dem Ruhrgebiet haben gesagt: „Endlich kommst Du dahin zurück, wo Du hingehörst.“

Und die Anderen?

Murrack Die konnten zunächst nicht verstehen, dass ich meine Stellung als Beamter auf Lebenszeit für eine zeitlich befristete Tätigkeit als Dezernent in Duisburg aufgegeben habe. Schließlich war ich zuvor Abteilungsleiter in der Staatskanzlei in Düsseldorf und bin nun ja nur für acht Jahre als Beigeordneter gewählt. Aber sie konnten letztendlich meine Gründe nachvollziehen.

Wenn es eine Skala für gelungene Digitalisierung von 1 bis 10 gäbe – wo wäre Duisburg da momentan angesiedelt?

Murrack Ich würde sagen im guten Mittelfeld, so etwa zwischen 4 und 6. Die Duisburger selbst würden wahrscheinlich 2 bis 3 sagen, weil sie ihre Stadt häufig zu kritisch sehen. Dabei sind wir beim Thema Digitalisierung bei Stadt und Verwaltung durchaus vergleichbar mit Düsseldorf, Essen oder Köln. Das kann ich beurteilen, schließlich habe ich schon in diesen Städten gearbeitet.

Wenn man eine Stadtverwaltung digitaler aufstellen will, stößt man bestimmt auch auf Widerstände – gerade auch bei den älteren Kollegen.

Murrack Das ist keine Altersfrage. Es stimmt natürlich: Eine solche Entwicklung stemmt nicht ein Dezernent alleine. Aber es gab eigentlich niemanden, der partout abblocken wollte, die meisten sind bei der Digitalisierung sehr positiv gestimmt. Das zeigte sich auch bei einer Zukunftswerkstatt mit den Kollegen vom Ordnungsamt und dem Amt für bezirkliche Angelegenheiten in der Jugendherberge Wedau. Die Motivation ist da bei vielen noch größer geworden.

Warum braucht Duisburg für die Digitalisierung überhaupt einen Masterplan?

Murrack Weil ich hier den Anspruch habe, mit Duisburg an der Spitze der Entwicklung zu stehen. Es geht nicht nur um eine digitale Verwaltung, sondern um E-Government für alle Bürger.

Was heißt das konkret?

Murrack Ein Ziel ist zum Beispiel ein Bürgerportal, eine App, mit der man unter anderem seine Rechnung bei den Stadtwerken begleichen, seinen Grundsteuerbescheid einsehen, seinen Personalausweise verlängern, online einen Termin beim Bürgerservice oder im Straßenverkehrsamt bekommen oder einen Sperrmülltermin  vereinaben kann. Das ist ein Projekt, was man nicht in 2 Jahren stemmen kann. Aber es lohnt sich anzufangen. Das gelingt nur, wenn die Verwaltung und die städtischen Gesellschaften wie Stadtwerke, DVG, Gebag und Wirtschaftsbetriebe vernetzt sind.

Das hört sich nach komplizierten Absprachen an.

Murrack Die Bereitschaft, sich unter ein solches gemeinsames Dach zu stellen, ist bei allen Beteiligten groß. Mit der Online-Terminvergabe könnte es noch in diesem Jahr etwas werden. Da sind wir schon recht weit.

Welche Rolle spielt dabei der chinesische Telekommunikationskonzern Huawei? Ist es nicht kritisch zu sehen, sich beim Masterplan an einen Anbieter zu binden?

Murrack Huawei ist in erster Linie Impuls- und Ideengeber und erst in zweiter Linie Hardwarelieferant. Die Chinesen suchen den Eintritt auf den europäischen Markt, und da ist es für ihr Renommée gut, wenn sie eine deutsche Großstadt auf dem Weg zur Smart City begleiten.

Und wie steht es dabei um den Datenschutz?

Murrack China und Datenschutz sind immer ein heikles Thema. Huawei stellt die Hardware für den Server „Rhine Cloud“, in dem Daten für den Masterplan gesammelt werden. Der Server steht in Duisburg, und die DVV-Tochter DU-IT hat die volle Kontrolle über die Daten. Datenpannen könnte sich Huawei gar nicht leisten, Eine Panne beim Datenschutz wäre für die Ziele von Huawei in Europa sicher ausgesprochen kontraproduktiv.

In nächster Zeit stehen nun Workshops in den sechs Themenfeldern E-Government, Wirtschaft, Infrastruktur, Bildung, Mobiliät, Breitband & 5G sowie Wohnen an. Was wird da passieren?

Murrack Dabei können Unternehmen wie Bürger ihre Ideen einbringen. Und es sollen auch ganz praktische Vorstellungen auf ihre Realisierbarkeit untersucht werden. So kann man in Duisburg sein Auto auch jetzt schon online abmelden. Das geht schon, ist aber noch schwer zu finden.

Wie soll’s dann weitergehen?

Murrack Alles geht schrittweise, und einen fertigen Masterplan wird es nie geben. Vielleicht gibt es einmal eine Version 1.0, die dann aber weiter fortgeschrieben werden muss. Außerdem kann es natürlich auch Rückschläge geben. Gute Ideen können auch scheitern.

Eine solche Denkweise entspricht sicher nicht dem, wie eine Verwaltung bisher gearbeitet hat ...

Murrack (lacht) Das ist sicher so, und wir dürfen auch keine Millionen versenken. Aber neue Dinge auszuprobieren erfordert auch etwas Mut und dann kann auch mal eine Idee dabei sein, die nicht funktioniert. Um hier ein Beispiel zu nennen: Ich kann mir voretellen, dass wir das städtische Call Center mit Künstlicher Intelligenz unterstützen könnte. Für derartige neue Wege könnte man auch Fördermittel beantragen.

Was bedeutet „künstliche Intelligenz“ bei einem Callcenter?

Murrack Es gibt Beispiele, wo ein Computer bei einem Restaurant anruft und einen Tisch bestellt – und hinterher niemand gemerkt hat, dass der Anrufer gar kein Mensch war. Beim städtischen Callcenter gibt es in vielen Fällen Standardanfragen, zum Beispiel nach Öffnungszeiten. So etwas könnte auch ein Computer erledigen. Dann hätten auch die Mitarbeiter mehr Zeit, sich am Telefon um individuellere Probleme von Anrufern zu kümmern und die Wartezeiten für die Anrufer wären kürzer.

Die Umsetzung der vielen, ehrgeizigen Ziele kann eine städtische Verwaltung ohne Partner kaum leisten.

Murrack Das stimmt. Die Partnerschaft mit der Universität ist für uns Gold wert, weil dort viel Knowhow in Fragen der Digitalisierung vorhanden ist. Das gilt genau so auch für das Fraunhofer Institut. Im Übrigen können wir auch von Anderen lernen. Was in anderen Städten oder Unternehmen schon umgesetzt wurde, müssen wir nicht noch einmal neu erfinden.

All das kann nur gelingen, wenn die Infrastruktur dafür steht.

Murrack Der Breitband-Atlas zeigt auch in Duisburg noch weiße Flecken, insbesondere in einigen Randbereichen. Mein Ziel ist es, dass diese weißen Flecken bis 2021 verschwunden sind. Dafür stehen uns 18 Millionen Euro an Bundes- und Landesmitteln zur Verfügung. Sie sollen vor allem da eingesetzt werden, wo der wirtschaftliche Ausbau der Netzwerke durch die Netzbetreiber nicht funktioniert.

Wer soll von dem Ausbau profitieren?

Murrack Das gilt grundsätzlich für alle Straßenzüge, die noch kein schnelles Internet haben. Unser besonderes Augenmerk liegt aber auf Schulen und Gewerbegebieten, weil man dort besonders auf schnelle Leitungen angewiesen ist.

A propos Schulen: Wie kann es sein, dass es bei Duisburger Schulen im Informatikunterricht wegen langsamer Leitungen ständig klemmt, während es zum Beispiel in Duisburgs litauischer Partnerstadt Vilnius deutlich flüssiger läuft?

Murrack: In Staaten, wo der Breitbandausbau viel später begonnen hat als bei uns, hat man dann gleich auf schnelle Glasfaserverkabelungen gesetzt. Bei uns liegen ja eigentlich schon überall Kupferkabel, die natürlich nicht alle sofort durch Glasfaser ersetzt werden können. In der Schule würde schnelles Internet die Kommunikation deutlich erleichtern und verstärkt auch Online-Unterrichtsangebote ermöglichen.

Was ist in zehn Jahren in Duisburg möglich, was heute noch nicht geht?

Murrack Eine konsequent umgesetzte Digitalisierung wird unseren Alltag erleichtern und effizienter machen. Allein die Einführung der elektronischen Akte in der Verwaltung würde dazu führen, dass einzelne Mitarbeiter ihre Arbeitsergebnisse papierlos weiterleiten können. Das würde enorm Zeit sparen – und der Bürger profitiert davon, zum Beispiel durch deutlich kürzere Wartezeiten bei Genehmigungen. Zudem wäre es für die Stadt und die Entscheidungsträger einfacher, den Bürgerwillen zu erfahren. Wenn wir in der Duisburg-App auch die Möglichkeit einer Online-Umfrage haben, gäbe es schnell ein Meinungsbild. Welche Pflasterung wünscht man sich für die Fußgängerzone? Welche Ideen gibt es für die Verkehrsführung oder die Gestaltung von Straßen? Und die Entwicklung einer App, die mich selbstständig zum nächsten freien Parkplatz führt, würde sicher viele Stellplatz-Suchende freuen.

(mtm)
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