Akzente-Theatertreffen mit „Macht und Widerstand“ Schwerer Stoff glänzend inszeniert

Duisburg · Das Schauspiel Hannover zeigte beim Akzente-Theatertreffen Dusan David Parizeks beeindruckende Bühnenfassung von Ilija Trojanows Lebensbuch „Macht und Widerstand“.

 Eine Szene aus „Macht und Widerstand“ mit Henning Hartmann (links) und Samuel Finzi.

Eine Szene aus „Macht und Widerstand“ mit Henning Hartmann (links) und Samuel Finzi.

Foto: Katrin Ribbe

Offenbar hatte das Duisburger Schauspiel-Publikum Angst vor einem anscheinend schweren Stoff und einem langen Theaterabend mitten in der Woche. Die Bühnenfassung von Ilija Trojanows Roman „Macht und Widerstand“, mit der das Schauspiel Hannover jetzt beim Akzente-Theatertreffen gastierte, hätte ein volles Haus verdient, das aber nur zur Hälfte gefüllt war.

Jahrelang hat Ilija Trojanow für sein „Lebensbuch“ recherchiert. Fiktion und Dokumentation hat er miteinander auf kühne Weise verwoben. Die Geschichte vom „Anarchisten“ Konstantin, der zehn Jahre lang eingekerkert, gefoltert und ständig mit dem Tode bedroht wird, und die seines Folterers Metodi, der den zweifelhaften Titel „Michelangelo des Verhörs“ trägt, wird im Roman auf einem weiten Feld ausgebreitet.

Regisseur Dusan David Parizek, der aus Prag stammt, hatte bereits Monate vor Erscheinen des Romans das Manuskript von Ilija Trojanow zu lesen bekommen. Ihm sei gleich klar geworden, dass er diesen Stoff auf die Bühne bringen wollte, sagte er vor der Duisburger Aufführung beim „Schauspielführer live“ im Gespräch mit dem Duisburger Schauspiel-Intendanten Michael Steindl.

Doch wie bringt man ein Buch von 488 Seiten angemessen auf die Bühne? Parizek lässt nur vier großartige Schauspieler agieren. Samuel Finzi spielt das Opfer des bulgarischen Unrechtregimes, Markus John den regimetreuen Metodi, der seine Foltermethoden im Nachhinein mal rechtfertigen, mal kleinreden will. Demokraten verhöhnt er als „Demokröten“. Sarah Frank spielt eine „Außenstehende“; mal ist sie die freundliche Nachbarin und Möchtegern-Freundin von Konstantin, mal Dora, die vermeintliche Tochter Metodis, die dieser vermutlich bei einer Vergewaltigung der in einem Lager inhaftierten Mutter gezeugt hat. Henning Hartmann übernimmt ein ganzes Arsenal von Rollen: Er ist mal der Bruder Konstantins, mal ein Verfassungsrichter, mal ein Archivar oder auch – dies einer der vielen eingebauten Witzelemente des Stücks – ein Hund, der beim Gekraultwerden das Bein hebt.

Die große Qualität des Romans besteht darin, dass Trojanow den schweren Stoff mit einer erstaunlichen Raffinesse erzählt. Dieses Erträglichmachen des Schrecklichen gelingt auch in der Bühnenfassung. Einige Miniaturen sind ungemein witzig, geben Pausen nach realistischen Schilderungen der Folterszenen. So singt – mit Schnappatmung – Samuel Finzi, der von vielen Fernsehproduktionen einem großen Publikum bekannt ist, ungemein komisch kitschige bulgarische Schlager oder schlüpft absolut exaltliert in die Rolle der eifersüchtigen Ehefrau Metodis. Und bei einem Kostümfest sehen wird den völlig losgelösten Archivar (gespielt von Henning Hartmann) in Strapsen. Sowohl im Buch als auch im Theaterstück wird die traurige Pointe herausgearbeitet, dass die sogenannte „Wende“ im Jahr 1989 in Wirklichkeit keineswegs eine revolutionäre Einführung der Demokratie war, sondern eine von den alten Apparatschiks gelenkte „Transformation“. Diejenigen, die vom Unterdrückungsregime profitiert haben, bleiben weiterhin am Ruder.

Trojanows „Macht und Widerstand“ darf man in einer Reihe mit so bedeutenden Werken wie Peter Weiss’ Roman-Essay „Die Ästhetik des Widerstands“ und Elias Canettis philosophischen Hauptwerk „Masse und Macht“ stellen. Im Gegensatz zu diesen beiden Werken ist Trojanows Roman genauso gut lesbar wie Siegfried Lenz’ „Deutschstunde“, übertragen auf die Geschichte Bulgariens, die wiederum symptomatisch für alle Unrechtsregime dieser Welt ist.

Die knapp dreistündige Bühnenfassung ist ein Lehrstück, dem man größte Bekanntheit wünschen möchte. Der Applaus im Duisburger Stadttheater war minutenlang. Ein gutes Zeichen.