Duisburg: Künstler Horsthardi Semrau wird 90

Vollblutkünstler Horsthardi Semrau wird 90: Kunst darf kein Selfie sein

Am 12. Juli 1928 wurde Horsthardi Semrau in Schlesien geboren. Schon mit zehn Jahren schrieb der spätere Duisburger Lehrer Gedichte und malte. Die Doppelbegabung prägt sein Leben.

Fast wäre das Leben von Horsthardi Semrau schon mit 16 Jahren vorbei gewesen. Beim so genannten Volkssturm wurde Semrau in den Krieg geschickt. Wenige Meter neben ihm explodierte eine Granate; ein Erlebnis, das ihn beim Erzählen noch heute erschüttert. Dabei erschüttert Semrau nicht nur die Erfahrung, dem Tod so nahe gekommen zu sein, sondern auch die Tatsache, dass Menschen so unmenschlich sein können, Kriege zu führen. Dass er vor elf Jahren eine lebensbedrohliche Krankheit überstand und nun 90 Jahre alt wird, erfüllt Horsthardi Semrau mit Dankbarkeit. Besonders dankbar ist er, dass er seinen Geburtstag mit seiner Frau Ingeborg erleben kann, die ihren Mann mit Einfühlungsvermögen und Sachverstand liebevoll unterstützt. Die beiden erinnern den Besucher an das Idealpaar Philemon und Baucis.

Horsthardi Semrau, am 12. Juli 1928 in Mittelschlesien geboren, hat schon als Zehnjähriger Gedichte geschrieben und gemalt. Diese Doppelbegabung, Dichter und Maler zugleich, prägte Semraus Leben. Über Flensburg kam Semrau nach Duisburg, wo der promovierte Literaturwissenschaftler an einer Kollegschule Deutsch und Kunst unterrichtete. Auch während seiner Zeit als Lehrer malte und dichtete Semrau. Doch überregional bekannt wurde er erst in den vergangenen 30 Jahren - nach seiner Pensionierung.

Bei einer Ausstellung in Dinslaken traf Semrau vor elf Jahren mit Herbert Gorba, dem Vorsitzenden des Duisburger Kunstvereins am Weidenweg, zusammen. Seitdem ist Semrau Ehrenmitglied dieses Vereins; eine Anerkennung, die den Vollblutkünstler freut. Zurzeit sind wieder einige seiner jüngeren Werke im Kunstverein am Weidenweg 10 zu sehen.

Als bildender Künstler zielt Semrau auf ein weites Themenspektrum: der Mensch als solches; das, was er geschaffen hat (Industrie, Architektur) und das, was unabhängig von ihm existiert (die Landschaft) und jene Bereiche, die nicht leicht zu fassen sind und die man hilfsweise mit dem Wort „spirituell“ bezeichnet. In jüngster Zeit fokussiere er sich auf das Menschenbild, sagt er bei unserem Besuch am vergangenen Montag. Zwar könne auch ein Künstler nicht aus seiner Haut heraus, doch müsse er bei seinen Bildern und Themen immer bestrebt sein, „mehr als ein Selfie“ zu schaffen. „Ein Künstler muss über sein Ego hinausgehen“, sagt er. Bei der Selbstreflexion dürfe man nicht bei sich stehenbleiben.

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Während er früher oft vor Ort skizziert habe, male er heute mehr und mehr nach der Phantasie, wobei er sich - nach einem Schiller-Wort - von einer „dunklen Totalidee“ leiten lasse. Bei der Maltechnik bevorzugt Semrau Kreide, die er aber so „farbsatt“ einsetzt, dass man seine Bilder für Gouachen oder Acrylwerke halten könnte.

Wenn man sich als Journalist mit Horsthardi Semrau unterhält, pendelt man thematisch zwanglos zwischen Malerei und Texten hin und her. Eine sehr schöne Sentenz, die Semrau auf irgendeinem Blatt notiert hat, fasst prägnant diese künstlerische Doppeltätigkeit: „Bin ausgezogen in meinem Leben/ der Worte Farbe und dem Bild das Wort zu geben.“

Neben der Gedankenlyrik sind Aphorismen eine Stärke Semraus. Einige sind in vier bislang publizierten Büchern zitiert. Viele, die Semrau spontan auf Briefumschlägen oder Zeitungsrändern notierte, hat er inzwischen kalligrafisch in solide Schreibbücher übertragen (auf sanftes Drängen seiner Frau, die im Hause Semrau den Durchblick behalten möchte). In einigen Aphorismen zeigt sich Semraus Humor, der immer mal wieder durchscheint. Mitunter auch ironisch eingefärbt, etwa: „Der Tod ist nicht umsonst, heißt es in Killerkreisen.“ Schön ist auch sein Aphorismus zur Interpunktion: „Eine Aussage auf den Punkt zu bringen, ist der tiefere Sinn der Zeichensetzung.“ In Hinblick auf seinen Geburtstag und zum Abschied gibt er dem Schreiber dieser Zeilen mit auf den Weg: „Im Alter darf man nie zu lange rückwärts blicken, um vor der Gegenwart nicht einzuknicken.“

Zuletzt veröffentlichte Horsthardi Semrau einige Gedichte in dem kürzlich erschienenen Sammelband „Lyrik und Prosa unserer Zeit“. Neue Folge. Band 26, erschienen im Karin Fischer-Verlag, Aachen, 246 Seiten, 29.90 Euro.

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