Duisburg: Künstler Gerz arbeitet mit Flüchtlingen

Ausstellung Jochen Gerz: Zeitgeschichte an der Museumsfassade

Der international bekannte Künstler Jochen Gerz möchte die Fensterfront des Lehmbruck-Museums mit Gedanken zur Zeitgeschichte beschriften. Die Kreishandwerkerschaft beteiligt sich an der Aktion mit interessierten Flüchtlingen.

Wie das große Kunstprojekt von Jochen Gerz genau realisiert werden soll, wurde beim Pressegespräch im Lehmbruck-Museum nicht im Detail verraten. Vermutlich ist die Experimentierphase des international renommierten Künstlers noch nicht abgeschlossen. Fest steht aber, dass „The Walk“ kein Kunstwerk im klassischen Sinne wird. Schon allein deshalb, weil das Werk selber nicht im Museum aufgebaut wird, vielmehr wird ein rund 100 Meter langes Spruchband von außen an der Glasfassade des Museums angebracht. Wer lesen möchte, was auf diesem Spruchband in großen Buchstaben geschrieben ist, muss an dem Museum entlang gehen.

Seinen Text hat Jochen Gerz, der 1940 geboren wurde, schon geschrieben. Dabei blickt er auf sein eigenes Leben zurück, zugleich reflektiert er die Zeitgeschichte: angefangen in seinem Geburtsjahr bishin zum Jahr 2018. Das Museum soll dabei gewissermaßen zu einem Riesenbuch werden, bei dem Gerz allerdings nicht alleiniger Autor bleiben möchte. Vielmehr sind Besucher eingeladen, weitere Texte und Fotos für das Kunstprojekt beizusteuern, das am Sonntag, 23. September, eröffnet wird und bis zum 5. Mai 2019 besichtigt und mitgestaltet werden kann.

Ausdrücklich eingeladen, sich an seinem Projekt zu beteiligen, hat Jochen Gerz Flüchtlinge. Bei der Rekrutierung dieser Gruppe helfen Gerz zum einen die Kunstvermittlerinnen Claudia Thümler und Sybille Kastner vom Lehmbruck-Museum, zum anderen Cihan Sert, Projektleiter bei einer hundertprozentigen Tochter der Kreishandwerkerschaft, die sich um die „Berufsorientierung für Flüchtlinge“ kümmert. Sert, selber mit „ziemlich komplizierten türkisch-kurdischen Wurzeln“ und in Deutschland geboren und aufgewachsen, sagte im Pressegespräch, dass es bei seiner Einrichtung um mehr geht als die Stunden, die Flüchtlinge in einem Betrieb, einer Sprachschule oder in einer Praktikumsstelle verbringen. „Wir haben den ganzen Menschen im Blick, wozu auch eine sinnvolle Freizeitgestaltung gehört.“ Ein Museum sei für viele Flüchtlinge ein überaus interessanter Ort, meint Sert. Zum einen seien viele Menschen, die ihre Heimat meist aus Not verlassen hätten, an kulturellen Angeboten sehr interessiert; zum anderen hätten sie in einem Museum die Chance, mit anderen aufgeschlossenen Menschen zusammen zu kommen.

Mindestens zwölf jüngere Menschen mit Fluchterfahrung werden an dem Duisburger Gerz-Projekt mitwirken – als Vermittler, aber auch als Autoren. Einige Flüchtlinge werden sich darüber hinaus auch handwerklich im Museum betätigen. Zurzeit überlegen Claudia Thümler und Sybille Kastner noch, wie die persönlichen Erfahrungen der Flüchtlinge gesammelt und textlich so verarbeitet werden, dass sie in das künstlerische Konzept von Jochen Gerz passen. Gerz selber sei da sehr flexibel. Wichtig ist für ihn, dass die persönliche Biografie in irgendeiner Form auf die Welt verweist.

  • Duisburg : Schriftbänder der Zeitgeschichte

„The Walk“ ist Jochen Gerz‘ erste Museumsausstellung seit 15 Jahren. Gerz gehört zu den profilierten Künstlern, die in der Tradition der Moderne die museale Praxis kritisieren und sich dem kommerziellen Diktat des Kunstbetriebs entziehen. „Die schönsten Galerien der Welt sind die Straßen, die Städte und Vorstädte“, sagt er. Der Ausstellung in Duisburg gingen zwei Jahre intensiver Diskussionen, Zweifel und Selbstzweifel voraus. Er sagt dazu: „Es ist immer die erste Ausstellung.“ Dem Werkverzeichnis nach ist es die 170. Einzelausstellung des Künstlers. Die Einladung des Museums, eine Retrospektive auszurichten, wurde zum Auftrag für eine neue Arbeit im öffentlichen Raum. „The Walk“ ist keine Retrospektive. Das betont Jochen Gerz mit einer solchen Vehemenz, dass dies sogar im Untertitel der Schau erscheint.

„The Walk“ ist nicht das erste Projekt, das Jochen Gerz in Duisburg durchführt. Vor acht Jahren realisierte er die viel beachtete Kulturhauptstadtaktion „2-3 Straßen“. Eingeladen wurden „Kreative“ in einem Stadtteil, der – so heißt es im Soziologen-Jargon – „besonderen Erneuerungsbedarf“ hat. Die „Kreativen“ sollten für frischen Wind und ein besseres Miteinander sorgen. Erwartet wurde ferner, dass die Ausgewählten regelmäßig für eine Publikation schreiben. Als Gegenleistung mussten sie in den Wohnungen, die zwischen 40 und 75 Quadratmeter groß sind, ein Jahr lang keine Miete bezahlen.

Am Jahresende fiel das Resümee durchaus positiv aus.

Mehr von RP ONLINE