Kinderarmut in Duisburg Wie Hector neue Fußballschuhe bekam

Duisburg · Kinder in Duisburg leben oft in deprimierenden Verhältnissen – Kinderarmut ist ein großes Thema. In der ZDF-Doku-Reihe „37 Grad“ stand jetzt auch Hector (12) aus Marxloh im Fokus. Was trotz widriger Umstände dabei Mut machen kann.

Hector bei einem Interview neben dem Fußballplatz.

Hector bei einem Interview neben dem Fußballplatz.

Foto: Projekt Lebenswert/Pater Tobias

Hector (12) muss lange warten, wenn er etwas haben will. Er wächst bei seiner alleinerziehenden Mutter Mary und mit seinen vier jüngern Geschwistern in Marxloh auf, mitten in einem sozialen Brennpunkt. Der Zwölfjährige kam mit seiner Familie 2016 aus Nigeria nach Deutschland. Die Eltern trennten sich, die Familie lebt von Bürgergeld. Wie viele Jungen in seinem Alter träumt Hector davon, einmal Fußballprofi zu werden. Doch zunächst kickt er im Garagenhof – Anschluss an einen Verein zu finden ist nicht einfach. Zumal auch seine Mutter noch nicht gut deutsch spricht.

„Ich brauche neue Fußballschuhe“, erzählt er. Und ein Trikot hätte er auch gern – aber die Hose seines kleinen Bruders ist kaputt, und das hat Vorrang. Sein Bruder ist deshalb traurig, „und dann bin ich auch traurig“, sagt Victor.

Er muss bereits viel Verantwortung übernehmen. Einen Brief von der Schule wegen der Einschulung seiner Schwester Clara, muss er erst einmal für seine Mutter übersetzen. „Ich möchte, dass die die Kinder glücklich sind“, sagt Mutter Mary.

Dazu gehören eine neue Wohnung mit mehr Raum und ein Kita-Platz für die jüngeren Geschwister. Das ist schwierig – ohne Arbeit und ausreichende Sprachkenntnisse. Einen Sprachkursus möchte sie endlich abschließen, eine Ausbildung beginnen, eine Perspektive bekommen.

Hectors Anker ist der sonntägliche Gottesdienst. In der Neumühler Gemeinde ist er Messdiener bei Pater Tobias. Der als „Marathon-Pater“ bekannte Prämonstratenser kümmert sich um Hector. „Da habe ich ein Auge drauf“ , sagt der Geistliche. Es sei wichtig, dass Hector „gute Freunde findet“ und „ein Gemeinschaftsgefühl“ entwickelt. „Damit er nicht auf die schiefe Bahn gerät“, sagt der Pater.

Im Verein stellt Hector dann schnell fest, dass seine Mitspieler allesamt bessere Fußballschuhe haben als er. Seine eigenen sind ziemlich abgelaufen..

Pater Tobias vermittelt auch den Kontakt zu einem Fußballverein. Hector wird Mitglied bei MTV Union Hamborn, muss aber feststellen, dass er ohne gute Fußballschuhe im Nachteil ist. „Ich möchte Nike-Schuhe“, sagt Hector – und Mutter Mary ist erst einmal entsetzt. „Die kosten 100 Euro oder noch mehr – so viel Geld habe ich nicht.“ Sie tröstet ihn: „Alles wird gut. Aber jetzt geht es nicht.“

In der Duisburger Werkkiste, einer Einrichtung der Caritas, hilft Hector beim Aussuchen von Schulmaterialien für sich und seine Geschwister. Auch hier übernimmt er Verantwortung, weil die Mutter wegen der Sprachbarrieren überfordert ist. Auch Kleidung gibt es hier – Fußballschuhe aber nicht. Mutter Mary resigniert nicht.: „Ich konnte meine Ausbildung nicht beenden – ihr müsst das!“, fordert sie ihre Kinder auf. Dabei ist auch Träumen erlaubt: „Ingenieur, Arzt, Rechtsanwalt“ – solche Berufe könnte sie sich für ihre Kinder einmal vorstellen.

Vier Monate später wird Hectors Traum war: Er ist überglücklich. Obwohl an diesem Tag gar kein Training im Fußballverein ist, läuft er fast den ganzen Tag in seinen neuen Fußballschuhen herum. Für die Familie stehen indes schon die nächsten Probleme an: Weil die Kita-Eingewöhnung für eines von Hectors Geschwistern noch läuft, kann Mary den Deutschkursus nicht fortsetzen, und die Kinder brauchen warme Sachen für den Winter...

Hector geht dreimal in der Woche zum Training. Bei einem Trainingsspiel steht Pater Tobias am Seitenrand, um seinen Schützling zu beobachten. Und Überraschungen hat er auch dabei: Für Hector hat er warme Sportbekleidung mitgebracht. Der ganzen Mannschaft erklärt der Pater: „Ich möchte für euch einen Marathon laufen und die ganze Mannschaft mit den Sponsorengeldern komplett neu ausstatten.“ Dafür geht der passionierte Läufer am 5. Mai beim Belfast City Marathon in der nordirischen Hauptstadt auf die Laufstrecke.

MTV Union Hamborn mit Hector auf dem Platz gewinnt das Spiel. Die Spieler hüpfen gemeinsam über das Spielfeld: „So sehen Sieger aus!“, rufen sie.

Ein Sieger im Leben will auch Hector werden und einen guten Schulabschluss machen. „Ich will etwas Geld verdienen und meine Familie unterstützen“, sagt er. Am liebsten als Fußballspieler – ein Bürojob soll es nicht unbedingt werden.

(mtm)
Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort