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Duisburg: Jochen Gerz macht Museum zum Buch

Jochen Gerz beschriftet das Lehmbruck-Museum : Unerwartetes an den Museumsfenstern

Jochen Gerz eröffnete in Duisburg das Kunstprojekt „The Walk“. Die RP ist an der Ausstellung beteiligt.

Reingehen, anschauen und dann wieder nach Hause gehen: Diese Art von Museumsbesuch ist dem international bekannten Konzeptkünstler Jochen Gerz zu wenig. Deshalb hat er sich 15 Jahre lang jeder Ausstellung in einem Museum verweigert. Stattdessen erlangte er Weltruhm mit Kunstprojekten, die auf der Straße, in zum Teil schwierigen Stadtvierteln oder mit Menschen, die es im Leben besonders schwer haben, realisiert wurden. Beim Duisburger Lehmbruck-Museum macht Jochen Gerz eine Ausnahme. Zwar konnte man ihn nicht zu einer Retrospektive überreden, aber zu einem Kunstprojekt, das bereits vor der offiziellen Eröffnung am Sonntagnachmittag viel Aufmerksamkeit erfuhr. „The Walk – keine Retrospektive“ ist keine Ausstellung im gewohnten Sinne, vielmehr hat Gerz das Museumsgebäude in ein gigantisches Buch verwandelt, dessen Text man nur von außerhalb des Museums, und zwar von einem vier Meter hohen Steg, lesen kann.

In Grußworten und Einführungen suchten Rednerinnen und Redner vom Ministerium, vom Landschaftsverband, von der Stadt Duisburg und vom Museum nach Deutungen, weshalb Jochen Gerz diesen „klug erdachten Lernweg“, bei dem er seine persönliche Lebensgeschichte mit der Zeitgeschichte verbindet, so und nicht anders gestaltet hat. Da gab es durchaus gute Interpretationen über die Wirkung dieser einzigartigen Texthülle, die den Blick aufs und aus dem Museum verändert.

Besonders interessant wurde die Ausstellungseröffnung allerdings erst, als Jochen Gerz in kurzen, unterschiedlich besetzten Gesprächsrunden selber zu Wort kam. Zwar meinte er einmal auf eine Frage des Moderators Uwe Schulz, dass er im Fragestellen besser als im Antworten sei, dennoch waren Gerz’ Bemerkungen höchst anregend. Zum Museumsbetrieb, den er ansonsten meide, meinte er beispielsweise: „Wenn ich weiß, was mich erwartet, bin ich am falschen Ort.“

Diese Auffassung brachte Gerz auch dazu, sich die Rheinische Post als Partnerin für seine Aktion zu suchen. Am 11. September lag allen 300.000 RP-Ausgaben eine 32-seitige Broschüre bei, die ausführliche Anmerkungen zum Text enthält, der bis zum 9. Mai auf den Glasscheiben des Lehmbruck-Museums auf insgesamt 500 Quadratmetern zu lesen ist. In einer Gesprächsrunde wurde Stefan Weigel, stellvertretender Chefredakteur der RP, gefragt, weshalb sich die Zeitung an der Kunstaktion beteiligt habe. „Weil es uns Spaß macht“, antwortete Weigel. Jedenfalls ging es mit dieser Kunstbeteiligung nicht ums Geldverdienen. Vielmehr habe es die RP für richtig gehalten, sich an dieser vielschichtigen und durch und durch menschenfreundlichen Aktion zu beteiligen.

Mit zum Projekt gehört auch eine Berufsorientierung von acht, demnächst zwölf geflüchteten Menschen, die für die Dauer der Ausstellung im Lehmbruck-Museum arbeiten. Diese Menschen werden auch ihre Lebensgeschichte mit Unterstützung einer Museumspädagogin aufschreiben. Bei der Eröffnung wurde ein Teilnehmer gefragt, welches Berufsziel er nach seiner Zeit im Lehmbruck-Museum anstrebt. Die unfreiwillig komische Antwort war: Zahntechniker.

Jochen Gerz rettete die Situation und fragte, ob unter den zahlreichen Gästen der Eröffnung jemand zu finden ist, der dem jungen Mann bei seinem Berufswunsch hilft.