Duisburg: Joachim Gauck als Mercator-Professor

Mercator-Professor Joachim Gauck in Duisburg: „Ich bin Wechselwähler“

Der ehemalige Bundespräsident hielt im vollbesetzten Audimax der Duisburger Universität seine erste Vorlesung als Mercator-Professor. Richtig spannend wurde es, als Gauck frei sprach.

Auf viel Sympathie stieß der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck bei seiner ersten Vorlesung als Mercator-Professor am Mittwochabend im restlos ausgebuchten Audimax der Universität in Duisburg. Das Interesse an seinem Vortrag war so groß, dass der größte Hörsaal der Hochschule nicht ausreichte und der Vortrag live in einen anderen Hörsaal übertragen wurde. Es kommt nicht häufig an einer Uni vor, dass ein Redner schon beim Betreten des Hörsaal mit so viel Applaus empfangen wird wie jetzt Gauck.

Ulrich Radtke, Rektor der Universität Duisburg-Essen verriet dabei in seiner gelungenen Einführung, dass Gauck schon einmal als Mercator-Professor auserkoren war. Das war zu der Zeit, als dieser noch Sonderbeauftragter für die personenbezogenen Stasi-Unterlagen war. Kurz nach der Anfrage wurde Gauck zum Bundespräsidenten gewählt, eine Mercator-Professur war deshalb nicht drin.

Nun, als ehemaliger Bundespräsident, nahm Gauck die Professur gerne an. Das Thema seiner Vorlesung lag nahe: „Der Staat der Bürger - wie wir wurden, was wir sind.“ Dabei unternahm Gauck in wohl gesetzten Worten eine „Reise an die Wurzeln unserer Demokratie“. Das „Schicksalsdatum“ 9. November war dabei ein Leitfaden: 9. November 1923, 9. November 1938 und 9. November 1989.

Im Jahr 1923 hatten Hitler und Ludendorf zum ersten Mal versucht, die parlamentarische Demokratie gewaltsam zu stürzen, was damals noch nicht gelang. Die kurze Episode mache aber deutlich, wie groß der Druck auf die Demokratie in der Weimarer Republik war. Die Episode zeige aber auch, so Joachim Gauck, „dass die politischen Kontroversen heute noch lange nicht mit denen der Weimarer Zeit vergleichbar sind“. Und er fügte hinzu: „Und dies sage ich, ohne die Gefahren der Demokratie von heute zu übersehen.“

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Bekanntlich haben die Nazis 1933 die Macht übernommen. Doch solle man die Weimarer Republik, diese „demokratischste Demokratie der Welt“, nicht auf ihr Scheitern reduzieren, sondern, so Gauck, auch als „wichtigen Meilenstein unserer Demokratiegeschichte“ betrachten. Kritisch merkte Gauck an, dass es in einer Demokratie zwar möglich sei, Regierungen völlig gewaltfrei abzusetzen, dass Demokratien aber den „Nachteil haben, dass sie sich eigenständig und demokratisch, ganz ohne Gewalt auch abschaffen können“.

Beim Durchgang durch die deutsche Geschichte ergänzte er das Etikett „Wirtschaftswunder“ mit dem Zusatz „Demokratiewunder“. Eindringlich machte er klar, welche Umwältung der 9. November 1989 für die Menschen in der DDR war, die seit 1933 nichts anderes als Diktatur erlebt hatten. Dieses „Ohnmachtsgefühl“ habe die Menschen geprägt, mache sie wohl auch noch heute anfällig für irrationale Ängste.

Gaucks Vortrag fand große Zustimmung, doch noch mehr fesselte er seine Zuhörer, wenn er vom ausgearbeiteten Vortragstext abwich und frei sprach. Beispielsweise über den Anpassungsdruck zu DDR-Zeiten. Eindrucksvoll war die von Uni-Rektor Ulrich Radtke moderierte Fragerunde. Dabei gestand Joachim Gauck: „Ich bin Wechselwähler“.

Am 27. November, 18 Uhr, hält Gauck seine zweite Vorlesung als Mercator-Professor im Audimax der Universität in Essen. Näheres hier

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