Duisburg: In der Mundio-Reihe wurde Tolstois Erstlingswerk lebendig

MunDio-Abend in Mündelheim : Lesung: zum Niederknien gut

In der Kirche St. Dionysius lasen Katalin Zsigmondy und August Zirner aus Lew Tolstois „Kindheit und Knabenjahre“. Man konnte dabei nachvollziehen, dass der Autor mit diesem Frühwerk auf Anhieb berühmt wurde.

Nieselregen, fünf Grad Außentemperatur, Es ist längst dunkel geworden an diesem Januarabend. Was gibt es also Besseres, es sich gemütlich zu machen und sich bei einem Glas Rotwein und ein paar Snacks etwas vorlesen zu lassen. Nun, es gibt sicherlich etwas Gemütlicheres als eine harte Kirchenbank, die ihre Besucher am liebsten auf die Knie zwingen möchte. Doch die beiden Vorleser an diesem MunDio-Abend sind eigentlich von alleine schon zum Niederknien.

August Zirner und Katalin Zsigmondy lassen mit Lew Tolstois Erstlingswerk „Kindheit und Knabenjahre“ Bilder einer scheinbar längst vergangenen Zeit vor dem geistigen Auge entstehen. Das Schauspielerehepaar versteht es dabei in einer ruhigen, aber eindringlichen Art, die Zuhörer zu fesseln. Und wäre da nicht die harte Kirchenbank, so würde man vermutlich gänzlich eins werden mit der Geschichte, mit der sich Tolstoi auf Anhieb einen Namen gemacht hat.

Der Autor (1828 – 1910) war damals gerade einmal 23 Jahre alt. Er erzählt vom Ende der Kindheit, schildert ein idyllisches Landleben einer adeligen Familie, von Gutsherrenart, erster Liebe, den Verlust durch den Tod der Mutter, von philosophischen Anwandlungen eines Heranwachsenden, der sich für den Nabel der Welt hält. Am Anfang steht ein vermeintlicher Traum, dessen Schilderung eigentlich nur als Ausrede diente, der im Verlauf der Geschichte aber durch den Tod der Mutter bittere Wahrheit wird. Tolstoi versetzt seine Leser bzw. Zuhörer in eine andere Welt und lässt sie daran aus Sicht eines Kindes teilhaben. Verwoben mit den sozialen Verhältnissen und Beziehungsgeflechten der damaligen Zeit im Russland des 19. Jahrhunderts zeichnet er ein zunächst naives Bild jener Zeit, das mit jeder Seite der Erzählung der realistischen Darstellung weicht. Tolstoi, der selbst aus einer adeligen Gutsbesitzerfamilie stammt, scheint hier seine eigene Kindheit als Anleihe für die Erzählung zu nehmen. Wirklichkeit und Erdachtes scheinen eng miteinander verbunden zu sein, wenn man dieser Parallele folgt. Zwei Jahre lang schrieb Lew Tolstoi an der Trilogie „Kindheit, Knabenjahre, Jünglingsjahre“, die ihm zum Durchbruch verhalf. Richtig berühmt wurde er mit den Monumentalromanen „Krieg und Frieden“ und „Anna Karenina“, zahlreiche weitere Werke entstammen seiner Feder.

Mit August Zirner, Grimme-Preisträger und Absolvent des berühmten Max-Reinhardt-Seminars, und Katalin Zsigmondy, Schauspielerin und Dozentin u.a. des Mozarteums in Salzburg, saß ein eingespieltes Team vor den leider nur zu Hälfte besetzten Kirchenbänken.

Als Zuhörer ging man am Ende mit dem Gefühl in die nasskalte Nacht, dass es an der Zeit sein könnte, wieder mal selbst zu einem guten Buch zu greifen, ein Glas dabei zu leeren und es sich auf einem bequemen Sofa gemütlich zu machen.