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Duisburg: Hutmode erlebt in der Stadt eine Renaissance

Geschichten und Geschichte : Hutmode erlebt in Duisburg eine Renaissance

Nicht nur Frauen schätzen individuelle Kreationen. Eine scheinbar aus der Zeit gefallene Branche erlebt derzeit eine Renaissance. Das ist die Geschichte der Hutmode in Duisburg.

Wenn man Fotos im Duisburger Stadtarchiv aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts  betrachtet, stellt man fest, dass nicht nur Oberbürgermeister Jarres Hut trug. Honorige Männer mit Melone, Zylinder oder Homburger dominieren auf den Bildern. Familienalben der Urgroßeltern sind ebenfalls eine Fundgrube der Hutvielfalt beider Geschlechter. Ein altes Modeplakat der Firma Steinmetz im Stadtmuseum zeigt eine junge Frau mit einem Frühjahrshut, der in den 20er Jahren getragen wurde. Danach kamen Topfhüte ohne Krempe bei den Damen in Mode – aus Filz, Velour oder Stroh.

Anschließend änderte sich die Damenhutmode von kleinen, flachen Filz- oder Samthüten über ausgefallene Tellerhüte bis hin zu Kopftüchern und selbst gewickelten Turbanen. Und wie sah es bei den Männern aus? Auch nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die 1960er-Jahre lautete die Werbebotschaft: „Ohne Hut zu gehen ist zwar billig und bequem, aber ein Herr ohne Hut erscheint immer unangezogen.“ In jeder Wohnung gab es eine Hutablage, da die Etikette das Ablegen des Männerhutes forderte. Die Damen durften beim Kaffeekränzchen den Hut aufbehalten. Männer nahmen den Hut beim Kirchgang selbstverständlich ab. Das galt aber nicht in Synagogen und auf jüdischen Friedhöfen. Hier müssen Männer aus religiösen Gründen grundsätzlich eine Kopfbedeckung tragen. Das Bedecken oder Entblößen des Kopfes hat häufig symbolische Bedeutung. Wer den Hut zog, der grüßte damit einen anderen. Eine Geste der Wertschätzung und des Respekts mit hierarchischem Hintergrund. Jahrhunderte zuvor galt der Hut auf der Stange als Symbol der Unterwerfung gegenüber den Habsburgern. Das erklärt Wilhelm Tells Weigerung, den Gesslerhut zu grüßen.

 Eine Hutwerbung des Geschäfts J. Reichenbach, Kuhstraße 27, aus dem Jahre 1925.
Eine Hutwerbung des Geschäfts J. Reichenbach, Kuhstraße 27, aus dem Jahre 1925. Foto: Harald Küst
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1958 war das Gendern in der westdeutschen Werbung noch unbekannt: „Ein Hut macht den Herrn. Ein Hut wirkt männlich. Der Mann mit modischem Hut erscheint korrekt, selbstsicher und vertrauenswürdig. Frauen sehen das deutlich, denn...Frauen sehen uns lieber mit Hut.“  Die Damenhutmode orientierte sich derweil an der Stilikone Jacqueline Bouvier Kennedy. Mit dem legendären Pillbox-Hut, dem Klassiker der Modegeschichte, faszinierte sie ihre Fans. Ausgerechnet der Gatte, John F. Kennedy, verstimmte die Hutindustrie und ließ sich ohne Hut mit offenem Haar ablichten. Von da an ging es in den 1960er Jahren mit dem Herrenhut bergab.  Auch in Duisburg galten Herrenhüte zunehmend als altbacken und unmodern. Die Duisburger Oberbürgermeister zeigten sich meist ohne Hut. Der verschwand zunehmend aus dem Straßenbild. Der Autoboom war mit ein Grund. Ein VW-Käfer bot wenig Kopffreiheit. Da störte der Hut. Die hohen „Bienenstockfrisuren“ der Damen verschärften das Problem. Der Zeitgeist der 68er überrollte die Hutträger. Allenfalls reaktionäre Spießertypen trugen Hüte.  Die Jugend, die in Duisburg gegen steigende Straßenbahnpreise demonstrierte, trug lange Haare, aber keine Hüte. Das blieb auch in den 70er und 80er Jahren so. Von Hüten der Hippiekultur einmal abgesehen. Wer dennoch einen Hut trug, brauchte eine gehörige Portion Selbstbewusstsein oder genoss Starkult wie der Künstler Joseph Beuys mit seinem legendären Filzhut oder Udo Lindenberg. Den Udo-Hut aus 100 Prozent Kaninhaarfilz kann man heute für schlappe 198 Euro erwerben. Hüte sind nicht nur Mode, sie unterstreichen Individualität und Status.  Einheitliche, standardisierte Hutformen kommunizieren Gruppenzugehörigkeit, Rang, Werte und Überzeugungen. Man denke nur an Doktoranden, Studentenverbindungen, Schützenvereine, Polizei, Militär, Kirche oder Berufsstände wie Piloten, Kapitäne, Schornsteinfeger oder Zimmerleute – immer wieder sind es Kopfbedeckungen, die Rollenerwartungen kommunizieren und Zeichen setzen.

Heute schützen Woll- und Schiebermütze oder Baseballcap so gut gegen Kälte, Nässe oder Sonnenstrahlung wie ein Hut. Mit dem Niedergang des klassischen Hutes verlor das einst nicht unbeträchtliche Hutmacherhandwerk (Putzmacher) an Bedeutung. Doch Totgesagte leben bekanntlich länger. Susanne Arnken hat mit ihrem Hutatelier „Rotkäppchens Tanten“  in Duissern eine Marktnische entdeckt. Nach wie vor werden insbesondere Damenhüte als Mode-Accessoires hoch geschätzt. Auf der Moltkestraße finden modebewusste Kundinnen individuelle Kreationen in klassischer Handarbeit. Im Winter arbeitet die Inhaberin Susanne Arnken oft mit Filz und Wolle, im Sommer sind Modelle aus Stroh gefragt. „Anfangs habe ich nur für Damen produziert, aber mit steigender Nachfrage habe ich mein Angebot für Herren erweitert und fertige auch Herrenhüte an“, so Susanne Arnken.